Sprachliches, Allzusprachliches

Über den Denglisch-Wahn wird ja allenthalben gespottet, mitunter auch geflucht. So dichteten die deutschen Sänger (unter dem englischen Bandnamen) der WiseGuys mal so schön: „Ich will, dass beim Coffee-Shop ‚Kaffeehaus‘ oben draufsteht / oder dass beim Auto-Crash die “Lufttasche” aufgeht,“.

Nun kann man sich über Anglizismen gerne mal aufregen, warum denn auch nicht. Bringen wird das allerdings nichts, denn Produkte verkaufen sich nun einmal mit englischen Vokabeln besser, als mit deutschen. Würden sie ein Auto mit einem Prallsack kaufen? Oder einem Prallkissen? Das wäre nämlich korrekte deutsche Bezeichnung des „Airbags„, in den im Übrigen keine Luft, sondern ein Gasgemisch gepumpt wird.

Lustiger sind aber allemal die englischen Begriffe, die sich Deutsche ausgedacht haben um ein Produkt zu bezeichnen. Das bekannteste dürfte wohl das „Handy“ sein, ein Wort, welches als Adjektiv übersetzt höchstens „praktisch“ heißt – der englische Begriff „Mobile“ (oder auch „cell phone“) wird hierzulande ebenso wenig verwendet wie der deutsche Begriff „Mobiltelefon“.

Das ist aber keine neue Erscheinung. Über die vielen Anglizismen hört man in aller Regel Menschen mittleren und höheren Alters schimpfen, manchmal sogar in ihrem Oldtimer sitzend. Dabei sind sie selbst (oder werden es bald) die Oldtimer, denn ein „Oldtimer“ ist immer ein älterer Mensch. Aber für ein simples „Altes Auto“ würde keiner Liebhaberpreise bezahlen. Auch so ein schon ewig verwendeter, falscher Begriff ist der „Smoking“ für den kleinen Gesellschaftsanzug. Der Ursprung des Begriffes liegt eigentlich in der „Smoking Jacket“, einer Raucherjacke, die man anzog, damit die Damen nicht mit dem Zigarrengeruch an der Kleidung belästigt wurden. Daraus entwickelte sich in der feineren Gesellschaft das „dinner jacket“ als Alternative zum Frack. Die amerikanische Bezeichnung „tuxedo“ für das „dinner jacket“ geht übrigens auf einen exklusiven Privatclub „Tuxedo“ zurück, in dem das Teil erstmalig getragen wurde – vom englischen König.

Andere vermeintlich englische Begriffe sind aber lustiger. So amüsieren sich Deutsche beim „Public Viewing„, Amerikaner meist weniger, denn der Begriff bezeichnet eigentlich das Aufbahren und Zurschaustellen der Leiche eines Verstorbenen. Gut, hin und wieder spielt die eigene Mannschaft so, daß der Begriff schon wieder hinkommt. Apropos Leiche: Diese Umhängetaschen, die zeitweise mal fürchterlich in Mode waren, kennt man hierzulande ja als „Body Bag„. Eigentlich heißt das aber Leichensack.

Auch das Fernsehen verschont uns nicht – Rudi Carell erfand den Begriff „Showmaster„, dem bald darauf „Quizmaster“ und „Talkmaster“ folgten, ein in England und Amerika praktisch unbekannter Begriff. Auch „zappen“, wo wir grad beim Fernsehen sind, ist so ein Wort. Klingt englisch, ist aber keines.

Scheinanglizismen nennt man diese Wortschöpfungen. Und es gibt sie zu hunderten. Viele davon sind längst Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs – Baseball-Mützen zum Beispiel bezeichnen manche noch als „Basecap„, das ist aber eine Zierleiste. Ein „Beamer“ ist eigentlich ein schnelles Auto von BMW und kein „projector“. Selbst „Happy End“ ist eine Wortschöpfung, aber hier stimmt wenigstens die Bedeutung. „Happy Hour“ hingegen bezeichnet eigentlich den Zeitpunkt, ab dem es gesellschaftlich angemessen ist, Alkohol zu trinken.

Karl-May Fans erkennen den „tramper“ vielleicht noch als Wortschöpfung – beim „Schatz im Silbersee“ sind die Antagonisten nämlich „Tramps“, Trampler, Unholde. Keine „hitchhiker“. Sehr witzig finde ich die deutsche Wortschöpfung „catchen“ für den „Sport“ Wrestling, „to catch“ heißt nämlich schlicht „fangen“, was zumindest für die Deppen gelten kann, die tatsächlich mitfiebern und sich fragen, wer den „Kampf“ wohl gewinnen wird. Sportlich ist auch „kicken“ für Fußball spielen nicht schlecht und wenigstens halbwegs nah an der echten Bedeutung, „to kick“ heißt schlicht „treten“. Aber das „Treter“-Magazin würde wahrscheinlich schon wieder keiner kaufen. Unfreiwillig, aber ziemlich urkomisch ist die Deutsche Bahn, die mit „Rail&Fly“ Tickets zum Flughafen anbietet. Korrekt wäre „Rail & Flight“, also „Schiene & Flug“, das ist wohl gemeint. „to rail“ heißt allerdings „schimpfen, fluchen“, also wirbt die Bahn mit „Schimpfe & Fliege“ und das ist wenigstens ehrlich….

Es gäbe noch hunderte andere Beispiele. Eine recht neue Begriffsübernahme ist, etwas zu „checken„, was eigentlich (–> „to check“) kontrollieren heißt, in der – jetzt wirklich gruseligen – Wortschöpfung etwas „auschecken“ (also etwas auszuspähen) ist aber wenigstens die ursprüngliche Bedeutung schon wieder halb drin. Eine „Musicbox“ ist eigentlich eine Spieluhr. Ein „Puzzle“ ist eigentlich ein Rätsel. Und so weiter, und so fort…

Nun macht das alles eigentlich nichts. Sprache ist niemals etwas festes sondern immer im Fluss, in Bewegung. Erst die Festlegung von verbindlichen Regeln hat unsere Rechtschreibung geschaffen, und auch Ausspracheregeln manifestiert. Heute schreibt eigentlich die Schreibweise die Aussprache vor, früher war das anders herum. Und Fremdeinflüsse in die Sprache sind auch nicht gerade eine neue Erfindung: Französische Vokabeln sind im Rheinland beispielsweise sehr verbreitet, eine nicht unerhebliche Menge deutscher Vokabeln entstammt eigentlich dem Lateinischen, Griechischen oder Jiddischen. Begriffe wie „Mischmasch“, „Kindergarten“ oder „Blitzkrieg“ sind dafür wiederum Germanizismen im Englischen geworden. Das Französische kennt so Wörter wie „le berufsverbot“ oder „l’ersatz“. Norwegisch hat so Begriffe wie „fingerspitzgefühl“ oder „besserwisser“ übernommen – selbst „slager“ hat tatsächlich deutsche Wurzeln.

Erfundene Wörter, die englisch klingen aber keines sind, sind allerdings seltener und manchmal eben auch lustiger, wenn eine eigentliche Bedeutung dabei übersehen wird. Auch da sind wir Deutschen nebenbei nicht alleine: In Italien heißt „Joggen“ schlicht „footing“.

Fundstück der Woche (51. KW): Mondlandung

Nun also ist es den Chinesen gelungen, auf dem Mond zu landen. Und damit eröffne ich wieder meine wöchentlichen Fundstücke, die sich vor einiger Zeit mal eingestellt hatte. Viel Spaß bei dem Beitrag, der am Samstag live im chinesischen Fernsehen zu sehen war.

Syrien – was passiert hier eigentlich?

Die Nachrichtenlage verschärft sich. Inzwischen gilt es für die Presse als unstrittig, daß Chemiewaffen in Syrien eingesetzt worden sind, Nachrichten darüber gibt es aber eigentlich schon deutlich länger. Nur bislang hat es halt keinen interessiert. Das scheint nun anders, könnte am Sommerloch liegen. Und daran, daß bei uns bald Wahlen sind, da macht sich eine außenpolitische Krise in der Presse immer gut. Aber worum geht es da eigentlich? Wer kämpft da gegen wen? Ein Versuch einer kurzen Skizze.

Im Jahr 2011 kommt es im Rahmen des arabischen Frühlings auch in Syrien zu Demonstrationen gegen die dortige Regierung. Noch im Januar war sich Assad sicher, daß in Syrien keine Demonstrationswellen zu befürchten seien und behielt damit auch zunächst recht. Tatsächlich beginnt die Geschichte im März im Norden Syriens: Bei einer Demonstration von Kurden für mehr Bürgerrechte kommt es zu gewaltsamen Zusammenstößen, mehrere Leute werden verhaftet.

Moment! Kurden?
Ja. Das von Kurden bewohnte Gebiet umfasst Teile der Staaten Türkei, Armenien, Iran, Irak und Syrien. Als man nach dem zweiten Weltkrieg vom Westen aus den Nahen Osten aufteilte hatte man die Kurden einfach ignoriert und sie in diese Staaten aufgeteilt, die ihre Rechte teilweise nicht nur nicht anerkennen, sondern die sie mitunter massiv verfolgen und bedrohen. So hat Syrien zum Beispiel in den 80er Jahren Flüchtlinge aus der Türkei aufgenommen, ihnen die syrische Staatsbürgerschaft gewährt und sogar die PKK unterstützt, später deklarierte man dort die Kurden wieder um und entzog ihnen sämtliche staatsbürgerlichen Rechte, sogar die Pässe. Kurden wurden aus öffentlichen Ämtern vertrieben und mit Berufsverboten belegt. Unter Bashar al-Assad wurde die zunehmende Diskriminierung zwar eingestellt, allerdings auch keinerlei Rechte wiederhergestellt – deswegen demonstrieren dort Kurden. Kurden sind mehrheitlich Sunniten, das bitte mal im Hinterkopf behalten.

Im März 2011 kommt es zu weiteren Demonstrationen (diesmal von syrischen Oppositionellen), wobei auch einige Demonstranten getötet werden, was die Zahl der Demonstranten sprunghaft ansteigen lässt. Die syrische Regierung bemüht sich um Deeskalation, untersucht die Todesfälle und entlässt einige verantwortliche Offizielle, dennoch kommt es auch innerhalb der Regierung zu Verwerfungen und letztlich zum Rücktritt des Premierministers und des Kabinetts. Das neue Kabinett soll die angekündigten Reformen umsetzen.

Moment! Kabinett? Und der Präsident?
Ja, das ist nun ein bißchen komplizierter. Wie funktioniert eigentlich die syrische Exekutive?
Okay, fangen wir damit mal an. Syrien nennt sich offiziell die Demokratische Sozialistische Republik Syrien. Es handelt sich um
ein gemischt präsidial-parlamentarisches Regierungssystem, also es gibt zwar ein Parlament, aber die Macht liegt im Grunde beim Präsidenten, der alle sieben Jahre vom Volk bestätigt werden muß (was 2014 wieder der Fall wäre) und zugleich Generalsekretär der Einheitspartei, der Baath-Partei ist. Das Parlament hat 250 Sitze von denen 143 automatisch an die Baath-Partei fallen, allerdings darf es keine eigenen Gesetzesvorhaben einbringen, sondern lediglich die vom Präsidenten vorgelegten kritisieren. Der Präsident ernennt sein Kabinett.
Der Knackpunkt der syrischen Regierung, die über 30 Jahre hinweg von Hafiz al-Assad und nun von seinem Sohn Bashar beherrscht wird ist, daß der Ausnahmezustand gilt – und das seit 1963. Dieser fixiert die Allmacht des Präsidenten und beschneidet das Parlament. Unter Anderem diesen Ausnahmezustand wieder aufzuheben ist eines der Reformversprechen von 2011 gewesen. Begründet wurde und wird der Ausnahmezustand übrigens auch damit, daß sich Syrien seit 1948 im Kriegszustand mit Israel befindet. Ohne Waffenstillstand, ohne Vertrag. Auch das mal eben bitte im Hinterkopf behalten.

Im April 2011 kommt es nun zu mehreren Großdemonstrationen, die mit scharfer Gewalt bekämpft werden. Insbesondere im Anschluß an Freitagsgebete. Die syrische Opposition, die sich sonst nur semilegal in zugelassenen Splitterparteien organisieren konnte, benutzt nun die Religion – auch in Opposition zu der eher säkularen, weil postsozialistisch eingestellten Baath-Partei. In Dar’a sowie in einigen Vororten von Damaskus kommt es zu systematischen Verhaftungen durch das Militär, unterstützt von Panzern. Dabei gibt es auch Tote. Der Menschenrechtsrat der UN verurteilt das brutale Vorgehen, die USA setzen erstmals Sanktionen ein. Bis Ende April sind etwa 500 Demonstranten gestorben.

In der Folgezeit kommt es zu weiteren Demonstrationen, die in Syrien verbotene Muslimbruderschaft ruft ihre Anhänger ebenfalls zu Demonstrationen auf, die Verhaftungen und die Mißhandlungen gehen weiter. Es werden erste Gräber entdeckt, bei den folgenden Demonstrationen werden Tränengas und scharfe Waffen eingesetzt. Human Rights Watch veröffentlicht einen schockierenden Bericht im Juni über die Menschenrechtsverletzungen in Syrien, mittlerweile sind rund 1.100 Menschen getötet worden, laut UNICEF auch 30 Kinder. Tausende Menschen fliehen vor den Militäroperationen in die Türkei, innerhalb der Armee scheint es Widerstand gegen die Befehle zu geben, Einheiten laufen zu den Demonstranten über. In den Folgemonaten demonstrieren immer mehr Menschen gegen Assad, aber auch regierungstreue Demonstrationen werden abgehalten, dabei werden auch die französische und die amerikanische Botschaft angegriffen. In der Türkei beraten sich Flüchtlinge, wie der Staat nach dem Sturz al-Assads aussehen soll, aber die Verteilung der Ethnien erschwert die Verhandlungen. In Syrien kommt es zu ersten ethnisch motivierten Morden und Gegenreaktionen, unter anderem an den Alawiten.

Moment! Alawiten?
Ja. In Syrien leben mehrere Volks- und Religionsgruppen. Die Mehrzahl der Syrer sind ethnisch sunnitische Araber, etwa 10-15% sind Kurden, weitere 3-4% sind Armenier (einige armenisch-apostolisch, andere armenisch-katholisch), zudem leben dort etwa eine halbe Million Palästinenser, Assyrer (meist nestorianische Christen) und weitere Gruppen. Und die Alawiten?
Alawiten sind eine islamische Glaubensrichtung, die in Syrien lediglich 12% der Muslime ausmachen, allerdings sind sie bedingt durch ihre Kontrolle der Baath-Partei de facto eine herrschende Minderheit. Alawiten (nicht zu verwechseln mit Aleviten!) sind grob dem schiitischen Glaubensspektrum zuzuordnen, ähnlich wie die etwa 700.000 Drusen in Syrien. Sie erinnern sich? Die Mehrzahl der Syrer sind Sunniten, auch die kurdische Bevölkerung.
Die Macht der Alawiten in Syrien passt vielen Sunniten nicht, was dem Konflikt nun eine religiöse Dimension verleiht.

Im August kommt es neben den Belagerungen von Städten auch zu Schußwechseln mit Panzern und Geschützen. In Latakia soll es sogar zum gezielten Beschuß von Wohnvierteln kommen, die arabische Liga verurteilt die Gewalt. Es mehren sich die Toten, nicht nur bei Demonstrationen, sondern auch durch Folterung durch die Sicherheitskräfte. Amnesty International veröffentlicht einen Bericht. Im September erfolgen Übergriffe der Armee auf Krankenhäuser, Ärzte werden geschlagen wenn sie Oppositionelle verbinden. In der Folge kritisieren alawitische Geistliche das Vorgehen der alawitisch dominierten Regierung, weitere Berichte über Folteropfer machen die Runde, Soldaten desertieren. Diese Soldaten bilden mit anderen Demonstranten (Rebellen?) die Freie Syrische Armee. Bis zum Juli 2013 wächst sie auf rund 80.000 Kämpfer an. Bis Oktober 2012 sterben bei weiteren Demonstrationen und Gefechten rund 1.900 Menschen, inzwischen sind über 3.000 getötet worden. Syrische Aktivisten im Ausland werden bedroht, zum Teil auch durch verschiedene Botschaftsmitarbeiter. Die EU und die Schweiz haben sich inzwischen zu einem Ölimportembargo aufgerafft.

Im November bittet der syrische Nationalrat (der in Istanbul tagt) die Internationale Staatengemeinschaft um Hilfe, mittlerweile wird die Stadt Homs mit Artillerie beschossen. Die arabische Liga versucht, mit Vertretern von Syriens Konfliktparteien ins Gespräch zu kommen. Letztendlich suspendiert die Arabische Liga Syrien von der Mitgliedschaft und diskutiert das weitere Vorgehen. Syrien hält sich nicht mehr an Absprachen, die Gewalt eskaliert immer weiter. Im Dezember sprechen Vertreter der UNO von mehr als 5.000 Opfern, darunter rund 300 Kinder. Russland und China blockieren aber weiterhin jedwede Resolution des UN-Sicherheitsrates. Immerhin schickt die UN Beobachter, die Transparenten in Syrien zufolge ″nichts sehen″.

Anfang 2013 ruft die Arabische Liga ihre Beobachter zurück; Die Liga ist sich uneins über das weitere Vorgehen, da regierungstreue Demonstranten in Syrien ebenso wie einige Mitgliedsstaaten der Liga keinen Eingriff in die nationale Souveränität Syriens tolerieren wollen. Insbesondere in Homs bleibt die Lage angespannt, die Regierungstruppen weigern sich dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond einen sicheren Korridor einzurichten, um Verletzte aus der Stadt zu bergen. Letztendlich erobern Regierungstruppen im März Teile von Homs zurück. Kofi Annan versucht, einen Friedensplan zu erstellen, die Waffenruhe wird aber nicht immer eingehalten. Das Ausland organisiert unter der Führung Frankreichs die Konferenz der ″Freunde des syrischen Volkes″, die allerdings nur mit der Opposition, besonders der FAS und dem syrischen Nationalrat verhandelt. Sowohl von der Regierung, als auch von den Oppositionellen trennen sich einzelne Politiker, um jeweils gegen die Strukturen und das Vorgehen zu protestieren. Dennoch beginnt die Unterstützung für die syrische Opposition zu wachsen, die Vereinigten arabischen Emirate und Saudi-Arabien sollen im April 2012 rund 100.000.000 Dollar an die Opposition überwiesen haben. Ein libanesischer Frachter mit hunderten Tonnen voller Waffen wurde rechtzeitig gestoppt.

Moment! Waffen und Gelder aus dem Ausland?
Ja, das gehört zu den wichtigsten und häufigsten Vorwürfen der Assad-Regierung, daß die Opposition im Land im Grunde von feindlichen Agenten aus dem Ausland vorgeschickt und finanziert wird. Tatsächlich berichtet im Oktober 2012 die Financial Times Deutschland darüber, daß die Konfliktparteien mit Waffen aus Russland, den USA, China, dem Iran, der Türkei und so weiter, zum Teil heimlich unterstützt werden. Russland, Iran und China unterstützen Assad – die Türkei angeblich heimlich die Opposition und die USA liefern Kommunikationsgerät; Man fürchtet sich da wohl vor einer Wiederholung des Fehlers in Afghanistan in den 80er Jahren. Naja, für irgendwas muß auch Obama gut sein.

Im Mai sind Parlamentswahlen – und prompt brechen die Oppositionellen die Waffenruhe mit Bombenanschlägen. Zu den Anschlägen bekennt sich eine syrische Splittergruppe der Al-Quaida. Als Antwort darauf beschießen Regierungstruppen in der Provinz Homs eine Siedlung namens al-Hula und töten mindestens 108 Menschen, darunter 49 Kinder. FSA wie auch die syrische Regierung erklären den UNO-Friedensplan für gescheitert und nehmen die Kampfhandlungen wieder auf um das Massaker – das sie sich jeweils gegenseitig vorwerfen – zu rächen. Die Gewaltspirale dreht sich wieder.

Mehrere westliche Staaten weisen syrische Diplomaten aus – Syrien beantwortet dies entsprechend und spricht nun von einem ″Krieg″ im eigenen Land. Es kommen erste Zweifel an der Schuld der Regierungstruppen beim Massaker von al-Hula auf; Waren es vielleicht doch die Rebellen selbst? Letztendlich glaubt das niemand, die Beweise sprechen eine andere Sprache, aber möglich wäre es. Amnesty International und Human Rights Watch veröffentlichen Berichte über Foltergefängnisse der syrischen Armee, die Gewalt wird immer härter und es werden immer hemmungsloser militärische Waffen eingesetzt, mitunter auch auf Siedlungen in denen Rebellen nur vermutet werden. Das Rote Kreuz stuft den Konflikt nun als Bürgerkrieg ein. Damit es dazu kam mußten rund 8.000 Menschen sterben.

Im Sommer 2012 weitet sich der Krieg insbesondere rund um die Stadt Aleppo aus, die Regierungstruppen setzen nun überlegene Luftwaffe ein, die Oppositionellen antworten mit Sprengstoffanschlägen. Zudem scheint die FAS nun auch über Luftabwehrraketen zu verfügen, es folgen weitere Massaker von Seiten der Regierungstruppen und Sprengstoffanschläge von Seiten der Rebellen. Am 16. September 2012 veröffentlicht der Spiegel eine Meldung, nach der die syrischen Regierungstruppen Trägersysteme für Giftgasgranaten testen sollen. Die Schlacht um Aleppo geht weiter.

Im Oktober 2012 wird die Situation dann noch brenzliger, als syrische Truppen über die türkische Grenze hinweg feuern und dabei eine fünfköpfige Familie umbringen. Daraufhin beschießt türkische Artillerie einen nahegelegenen syrischen Militärstützpunkt. Das türkische Parlament gibt der Regierung freie Hand für Folgeaktionen, türkische Bürger, die dagegen protestieren werden mit Tränengas bekämpft. Der Konflikt droht zum Flächenbrand zu werden. Zugleich wird berichtet, daß auch im Libanon syrische Bomben einschlagen.

Es tauchen Videos auf, die Kriegsverbrechen von rebellischen Soldaten an Regierungstreuen zeigen. Der Konflikt gewinnt so auch in den Augen der Weltöffentlichkeit an Schärfe. Im Januar 2013 greift dann Israel einen Konvoi der Hisbollah an, der von Syrien in den Libanon unterwegs ist, wobei auch iranische Soldaten, die den Konvoi wohl begleitet haben, ums Leben kommen. Syrien und der Iran drohen mit Vergeltung. Der Konflikt hat mittlerweile rund 70.000 Menschen das Leben gekostet, insbesondere die Schlacht um Aleppo kostete viele Leben. Es kommt zu weiteren Grenzzwischenfällen zwischen Syrien und Israel, die sich nach wie vor seit 65 Jahren im Kriegszustand befinden.

Die syrische Opposition erstarkt am Beginn des Jahres, nimmt wichtige Punkte ein und beginnt mit dem Mörserbeschuß auf die Stadt Damaskus, woraufhin die UN ihre Leute dort abzieht. Die Studenten von Damaskus haben nicht so viel Glück: 20 von ihnen sterben als eine Mörsergranate in ein Universitätsgebäude einschlägt. Dennoch gelingt es der Armee, nach und nach die Stadt zurückzuerobern und zugleich die Rebellen in Aleppo schwer zu bedrängen. In der Stadt steht kaum mehr ein Stein auf dem anderen. Im April folgen erste Berichte der Amerikaner über den Einsatz von Saringas in Syrien.

Moment! Was ist Sarin?
Sarin ist ein wirklich unangenehmes Zeug. Eine deutsche Qualitätsarbeit. Die Weiland für ihre friedliche Forschung bekannte deutsche IG Farben hatte unter der Leitung von Dr. Gerhard Schrader den Kampfstoff 1938 entwickelt. Der Name geht auf die drei Erfinder des tödlichen Zeugs zurück: „Schrader“, „Ambros“, „Ritter“ und „von der Linde“. Sarin ist als C-Waffe so beliebt, weil es praktisch nur im Ganzkörperanzug abgewehrt werden kann – getroffene Menschen nehmen Sarin über Schleimhäute und Augen sowie über die Lunge auf. Dabei blockiert Sarin die Übertragungswege von Nerven (Daher Nervengas) was zunächst zu Reizwirkungen, binnen Sekunden aber zu einem qualvollen Tod führt. Schließmuskeln arbeiten nicht mehr, man erbricht sich und letztendlich versagen die Atemwege und das Herz hört auf zu schlagen. Aber spät genug, daß das Opfer noch etwas von der Wirkung hat; Es erstickt während es aus sämtlichen Körperöffnungen den Körperinhalt absondert. Sarin wurde vom Irak zum Beispiel gegen die Kurden im eigenen Land oder auch gegen iranische Soldaten benutzt.
Der reizende Dr. Schrader im Übrigen hat zuvor noch das Wundermittel Tabun entwickelt, ein Kampfstoff, der für Angstzustände, Lähmungserscheinungen und schließlich Ersticken sorgt. Auch hübsch langsam. Die Wehrmacht hatte rund 12.000 Tonnen von dem Zeug hergestellt, es aber doch nicht eingesetzt sondern dann lieber in der Ostsee versenkt. Das macht die Fische dort glücklich und entweicht seit einigen Jahren, weil die Behälter durchrosten. Muß ein deutsches Qualitätsprodukt sein.
Für seine tollen Erfindungen (er hat noch ein paar Giftstoffe entwickelt, diesmal aber mehr gegen Pflanzen und Tiere als gegen Menschen) wurde Dr. Schrader 1956 von der Gesellschaft Deutscher Chemiker die Adolf-von-Baeyer-Gedenkmünze verliehen.

Im Mai 2013 kommt es erneut zu Grenzzwischenfällen an der türkisch-syrischen Grenze. Sprengstoffanschläge und Racheaktionen wechseln sich ab. Parallel dazu greift Israel vermehrt Ziele in Syrien an, weil es befürchtet, daß Syrien die Hisbollah mit Waffen versorgt. Die UN benennt Zeugen für syrische Giftgasangriffe Mitte Mai, auch die Türkei lässt ähnliches verlauten. Die Regierung geht derweil wieder in die Offensive. Rebelleneinheiten überschreiten im Juni offiziell erstmals die Grenze zum Libanon um dort einen Stützpunkt der Hisbollah anzugreifen. Die syrische Regierung behauptet unterdessen, in einem eroberten Rebellenstützpunkt ihrerseits Saringas gefunden zu haben. Nun überschlagen sich die Ereignisse. Während international heftig verhandelt wird und ausgerechnet Österreich sich laut zu Wort meldet, die Amerikaner und Briten mit Jordanien zusammen ein Manöver in Jordanien abhalten und Russland diplomatisch auf die Bremse tritt, verlangen die Rebellen sofortige Unterstützung in Form von Waffen und kündigen an, andernfalls nicht für Friedensgespräche bereitzustehen. Unterdessen werden die Gefechte, speziell rund um Aleppo immer heftiger. Rebellen zünden in einem Dorf mehrere Häuser an und töten gezielt Schiiten, Sunnitische Geistliche rufen zum heiligen Krieg gegen die Schiiten und ihre Vertreter, insbesondere den Iran, die Hisbollah und Assad auf.

Die Reaktion besteht nun darin, daß der Iran Soldaten nach Syrien geschickt hat. Rund 4.000 waren der Plan, zumindest aber sind Soldaten der iranischen Garde in Damaskus. Offiziell, um die syrische Regierung vor einem Angriff der Amerikaner zu beschützen, nicht um gegen die Sunniten zu kämpfen. Russland zieht seine Soldaten aus der russischen Marinebasis in Tartus zurück. Dafür schließen die Türkei, der Irak und Jordanien vorsichtshalber die Grenzen für Flüchtlinge. An der türkischen Grenze kommt es zu Gefechten zwischen kurdischen und Rebellenkämpfern, Granaten töten auf der türkischen Seite der Grenze Zivilisten (darunter einen 15-Jährigen Jungen), das türkische Militär beschießt beide Seiten.

Es kommt zu Häufungen von Gefechten zwischen kurdischen Milizen und islamistischen Kämpfern, insbesondere der Al-Nursa-Front. Wenn es nicht so tieftraurig wäre, fiele einem an dieser Stelle Monty Pythons ‚Life of Brian‘ ein. Islamistische Kämpfer, die sich nach und nach entweder von der Opposition losgesagt haben oder aber selbige zu dominieren versuchen gehen nun auch rücksichtslos gegen Christen und andere religiöse Minderheiten im Land vor. Es kommt zu Massakern.

Am 21. August schließlich melden Rebellenstreitkräfte, sie seien mit Giftgas angegriffen worden. Das war vor ein paar Tagen. Und jetzt hat es auch die deutsche Presse mitbekommen.

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Soweit der kurze historische Abriß. Es kämpfen also:

  • Die syrische Regierung, an ihrer Seite die Schiiten der Hisbollah, unterstützt von Russland, China und dem Iran

gegen

welche so halb, also nicht wirklich, aber auch kämpfen gegen ihre Verbündeten

welche aber wiederum kämpfen gegen

Die Lage ist also mehr als verworren, auch weil niemand sich einzugreifen traut. Obama zögert durchaus zu Recht – greift Amerika in den Konflikt ein und tötet womöglich iranische Soldaten auf syrischem Boden wären sämtliche Versuche, mit dem Iran überhaupt wieder in Gespräche zu kommen, dahin. Dennoch muß etwas getan werden.

Seit nun mehr als zwei Jahren tobt in Syrien der Bürgerkrieg. Was als Versuch der Demokratisierung des Landes begann ist inzwischen ein ziemlich unüberschaubarer Konflikt zwischen der syrischen Regierung (unter anderem auch von der Hisbollah unterstützt), den oppositionellen Truppen (zu denen neben demokratisch gesinnten Gruppen auch so freundliche Zeitgenossen wie die Taliban oder die Muslimbrüder gehören) und den – in der Presse meist vernachlässigten weil politisch unbequemen – kurdischen Truppen geworden.

Das Ergebnis ist ein Krieg, dem der Westen seit zwei Jahren zuschaut, der neben interessanten Kulturstätten vor allem rund 100.000 Menschen umgebracht hat, viele davon Zivilisten, viele davon Kinder. Es hat keinen interessiert weil man „sich ja nicht einmischen darf“. Die arabische Liga tut nichts, Israel wetzt höchstens die Messer und der Westen sonnt sich in einem überheblichen Gefühl von Pazifismus. Nun bricht irgendwer mutmaßlich dort die Regeln und bringt nun Kinder statt mit westlichen Bomben mit Giftgas um und auf einmal ist es ein ″eklatanter Bruch″ des Kriegs- und Völkerrechts.

Der Westen sollte sich die Heuchelei sparen. Erstens hat er die Waffen für den Konflikt bislang geliefert (und ich bin sehr gespannt, wer da Giftgas liefern konnte. Da gibt‘s doch sicher auch was von Ratiopharm?), zweitens hat er sich nicht im Mindesten für tote Kinder interessiert solange genügend übrig blieben, um weiterhin Waffen zu kaufen.

Kriegsgebiete, auch Bürgerkriegsgebiete, müssen manchmal mit Zwang von der Weltgemeinschaft (!) demilitarisiert werden. Und das heißt nun leider auch, daß da mitunter mit der Feuerkelle dazwischengefahren werden muß. Das ist sicher nicht schön, aber anders kaum zu bewerkstelligen. Schon jetzt hassen sich die Konfliktparteien bis aufs Blut und tiefer, der Konflikt wird nur weitergetragen in die nächsten Generationen wenn man die Menschen sich ″halt die Köpfe einschlagen lässt, wenn sie wollen″, wie man heute unter so manchem Zeitungsartikel lesen konnte….

Pazifismus um des Pazifismus willen ist der Gipfel des arroganten Egoismus, wenn er einen daran hindert anderen, die Not leiden, zu helfen. Aber sich in Pazifismus zu hüllen, während man allen Beteiligten fröhlich Waffen verkauft, ist der Gipfel der Heuchelei. Und da hat der Westen im ganzen Nahen Osten eine lange Tradition.

Wir – als Westen – haben dem Treiben dort nun 100.000 Tote lang zugesehen. Wieviele Tote braucht es denn, damit sich die Staatengemeinschaft mal zum Handeln aufrafft?

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Anmerkung zum Schluß: Der hier von mir vorgenommene und wirklich kurze chronologische Abriß der Ereignisse ist keinesfalls vollständig, sondern lediglich ein Versuch, das wichtigste in Kürze zusammenzufassen und all den Gruppen und Grüppchen und Ethnien und politischen Glaubensrichtungen, die sich da in Syrien bekriegen irgendwie soweit Herr zu werden, daß überhaupt dem geneigten Leser eine gewisse Chance zur Übersicht gegeben wird. Bitte machen Sie mich darauf aufmerksam, wenn sich irgendwo ein Fehler oder Lapsus eingeschlichen hat.
Sicherlich wäre es mehr als nur einen Artikel wert, mal auf die Situation der Christen in Syrien (die bis zum Auftauchen der islamistischen Kämpfer praktisch keine Probleme mit ihren muslimischen Nachbarn hatten) einzugehen, oder auch mal näher die verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen, die da aufeinanderprallen, zu beleuchten.
So oder so ist der Konflikt längst über eine Systemfrage hinausgewachsen – die syrische Opposition wird es verdammt schwer haben, selbst wenn sie den Konflikt gewönne, das Land zusammenzuhalten. Umgekehrt dürfte die Zeit der alawitischen Vorherrschaft zuende sein – Syrien wird sich nicht mit Gewalt befrieden lassen.

Eine Lösung habe ich auch nicht in der Tasche – mir geht es darum, den Konflikt zu verstehen und zu erfassen, denn Konflikte dieser Art sind so komplex daß es keine pauschalen Antworten geben kann – auch wenn ich andeute daß ich eine UN-Friedensmission für eine solche halten würde. Tue ich nicht. Ich halte das nur für den besten aller schlechten Wege, den der Westen noch beschreiten kann, und zwar mit den Nachbarstaaten Syriens gemeinsam. Wenn die arabische Liga und die UNO hier an einem Strang ziehen lässt sich der immense Schaden für die Region vielleicht ein wenig glätten. Vielleicht ist es aber auch nicht mehr zu schaffen. Vielleicht haben wir zulange zugesehen.

Aber Bilder von toten Kindern realpolitische Denkprozesse entgegenzusetzen ist einfach eine verdammt schwierige Sache.

Einfach mal was faszinierendes

Tja, heute war irgendwie ein blöder Tag – Zuerst durfte ich mich medizinisch versorgen lassen und nachher dann ein Fußballspiel angucken. Beides nicht so ganz das, was ich am Tag der Arbeit gerne tun wollte. Schicksal halt.

Dafür fand ich auf Youtube gerade etwas richtig faszinierendes: Aus dem See herauswachsendes Eis. Passiert ist das in Plymouth, Minnesota, am Medicine Lake. Gucken Sie mal:

Es hat einen Moment gedauert, bis ich verstanden hatte, was da passiert. Wasser wird durch enge Röhren (Kapillaren) an die Oberfläche gedrückt. Allerdings herrscht da unten drin nicht nur hoher Druck, sondern auch eine sehr kalte Temperatur. Das Wasser wird also unter 0 Grad gebracht, ohne sich ausdehnen zu können und friert daher nicht. (Wasser hat die geringste Ausdehnung bei etwa 4°C).

Was jetzt passiert ist der gleiche Effekt, wie bei der frierenden Sprudelflasche. Schonmal gemacht? Okay, das geht so: Man nehme eine Flasche kohlensäurehaltiges Mineralwasser und lege sie in eine Gefriertruhe – so ca. 45-60 Minuten lang. Besser eine Glasflasche nehmen und gelegentlich nachgucken, nicht daß das Zeug doch gefriert. Dann nimmt man die wirklich kalte Flasche heraus und öffnet sie möglichst schnell – plötzlich gefriert der Inhalt von unten nach oben und ragt als Eiszapfen aus der Flasche heraus.

Das gleiche passiert nun also hier in Minnesota. Und es sieht einfach mal cool aus.

Wer die Erklärung haben möchte, warum das so ist, der sollte mal auf meinen Nachhilfeblog gucken, da werde ich die Geschichte demnächst posten.

Die Entwicklung der Ministerialorganisation in der Zeit Maximilians II am Beispiel des bayerischen Ministeriums des Inneren

[Vortrag im September 2011 im Rahmen einer Vortragsreihe über die Zeit Maximilians II]

Meine Sehr geehrten Damen und Herren,

Der Übergang zwischen Mittelalter und Neuzeit wird in vielen Bereichen definiert: Ob das die Entdeckung Amerikas oder die Erfindung der Muskete, der Buchdruck, die Eisenbahn oder die Reformation, der Humanismus oder die Aufklärung ist – ein jeder verbindet mit dem Begriff „Neuzeit“ eine Vielzahl von Entwicklungen auf wissenschaftlichem, theologischem oder wirtschaftlichem Gebiet.

Aber was ist mit der Politik, dem Staat? Die frühe Neuzeit ist durch den Absolutismus geprägt, der sich mit der Aufklärung wandelt und besonders in Bayern im frühen 19. Jahrhundert durch die Reformen des Montgelas eine grundlegende Veränderung erfährt. Unter Ludwig I. begannen Verfassungsreformen und sein Sohn, Maximilian II. führte das Werk fort.

Doch was ist mit dem inneren Aufbau des Staates, wie funktionierte er? War im Mittelalter herrschaftliches Handeln noch mit einer Kanzlei und Selbstverwaltungsorganen im Reich möglich, so brauchte der moderne Staat eine viel ausgefeiltere Verwaltung. Das ging nicht ohne politische Folgekosten: Der immer ausgefeiltere Staatsapparat benötigte Spezialisten als Beamte in den einzelnen Fachbereichen. Deren Fachwissen wiederum konnte der Herrscher nurmehr selten selbst erlangen, was die Entscheidungsmacht zugunsten des Behördenapparates verschob.

Max Weber formulierte dies so (Zitat): „In einem modernen Staat liegt die wirkliche Herrschaft, welche sich ja weder in parlamentarischen Reden noch in Enunziationen von Monarchen, sondern in der Handhabung der Verwaltung im Alltagsleben auswirkt, notwendig und unvermeidlich in den Händen des Berufsbeamtentums.1 (Zitat Ende)

Die Entwicklung vom Hof zum Behördenapparat ist zu vielschichtig, um in diesem Rahmen umfassend dargestellt zu werden. Es existieren zu viele Unterschiede zwischen den Aufgabenbereichen und den damit verbundenen Anforderungen, auch die Mittelbarkeit des herrschaftlichen Handelns zwischen Behörden und Monarch ist vom Aufgabengebiet abhängig; So bestimmte der Monarch die Außenpolitik viel stärker als beispielsweise die Finanz- und Wirtschaftspolitik, insbesondere nach den Reformen von Montgelas.2

Dennoch lassen sich Gemeinsamkeiten in der Entwicklung der Ministerialbürokratie, der Ministerialorganisation, festmachen. Besonders, was das Personal betraf, also die Beamten, und woher sie sich rekrutierten, hat der Landeshistoriker Dirk Götschmann für das bayerische Innenministerium für die Jahre 1825 bis 1864 nachgezeichnet3. Für diesen Vortrag werde ich mich im wesentlichen auf ihn stützen, gelegentlich jedoch über Götschmanns Perspektive auf das Innenministerium hinausgehen4.

Wenn wir uns den Begriff Innenministerium ansehen, so fällt uns unweigerlich die aktuelle Bedeutung ein: Das Innenministerium ist jenes, welches sich dem Schutz, sowohl dem Schutz des Staates als auch dem Schutz des Volkes vor Bedrohungen aus dem Inneren widmet. Ihm zugeordnet als Behörden sind die Polizei und – mit einigen Ausnahmen – die Geheimdienste.

Das bayerische Ministerium des Inneren ist darüber hinausgehend allerdings noch für eine Reihe weiterer Bereiche des öffentlichen Schutzes und der öffentlichen Verwaltung zuständig, darunter das Rettungswesen, der Katastrophenschutz und die Feuerwehr, aber auch – und das scheint zunächst ungewöhnlich – für das Bauwesen.5

Diese Zweiteilung in „Allgemeine innere Verwaltung“ und in „Oberste Baubehörde“ hat strukturelle, aber auch historische Gründe.

Das Innenministerium ist eines der Hauptanliegen der Verwaltungsreformen unter Maximilian de Montgelas gewesen. Dieses Ministerium war ein Ministerium der Inneren Verwaltung, es sollte das Ministerium des Staates sein. Ziel dieser Reform war es, die Staatsfinanzen und weitestgehend die Staatsorganisation zusammenzuführen. Es gilt zu beachten, daß seit 1803 Bayern eine Reihe von Gebieten durch den Reichsdeputationshauptschluß hinzugewonnen hatte, die eine ohnehin nicht sehr effizient funktionierende Verwaltung zusätzlich belasteten. Um das zu verbessern wurde das Innenministerium am 29. Oktober 1806 gegründet.

Das Ministerium hatte zu Anfang 12 Aufgabenbereiche abzudecken die bislang sowohl dem Ministerium für geistliche Sache, als auch dem Justiz- und von Finanzressort zugeordnet gewesen waren. Darunter Beispielsweise die Aufsicht über die geistlichen Stifte, Organisationen und Stipendien, als auch über den Buchhandel, das Schulwesen, den Wasser-, Straßen- und Brückenbau, sowie der Staats- und Landespolizei und der Armen-, beziehungsweise Krankenpflege.

Diese Aufgabenfülle traf mit einem raschen Bevölkerungsanstieg zusammen der eine effiziente Bau-, Bildungs- und Pflegepolitik verlangte; In der Folge wurde das Ministerium des Inneren zum wichtigsten Steuerungsapparat für das junge Königreich.

Dieser Aufstieg erfolgte in einzelnen Stufen, zeichnet aber die wachsende Staatlichkeit im 19. Jahrhundert konsequent nach. So wurde mit der Konstitution von 1808 das Ministerium gedrängt, die Aufgabenfelder in fünf Abteilungen zu organisieren. Diese könnte man wie folgt benennen:

      1. Das Polizeiwesen
      2. Die Behörde für Tiefbau
      3. Die Behörde für geistliche Angelegenheiten
      4. Die Behörde für Erziehung, Unterricht und Schulwesen
      5. Die Verwaltung von kommunalen Angelegenheiten

Die eigentlichen Bezeichnungen in den jeweiligen Verordnungen lauten selbstverständlich anders und veränderten sich im Laufe der Zeit öfter, ebenso wie sich die Struktur der Verwaltung den Bedürfnissen anpasste. Beispielsweise wurde das Tiefbauwesen 1811 wieder dem Finanzministerium unterstellt, bei dem bereits 1808 der Hochbau geblieben war.

Mit dem Abdanken des Ministers Montgelas, der nicht nur Innenminister, sondern zeitweilig zudem auch Finanz- und Außenminister gewesen war6, tritt 1817 eine neue Verfassung in Kraft in deren Folge mit einer Verordnung am 15. April 1817 die Kompetenzen und Aufgabenbereiche des Innenministeriums genauestens umrissen werden.

Diesen nun 21 Aufgabenbereichen wird im Jahr 1825 König Ludwig I noch zwei weitere hinzufügen: Die Oberaufsicht über das Archivwesen und eine nochmalige Erweiterung der Aufsicht über das Bauwesen; Selbiges wird 1817 wieder zwischen Finanz- und Innenministerium aufgeteilt wobei das Innenministerium nun lediglich die Aufsichtsbehörde für den kommunalen Tiefbau sein wird. König Ludwig jedoch setzte die getrennte Baubehörde wieder in einen Apparat zusammen und ordnet diesen dem Innenministerium zu.

Die Steigerung der Effizienz der Bauverwaltung führt jedoch in der Folge zu einer größeren Macht- und Durchsetzungsfähigkeit der Behörde gegenüber dem Bauwesen selbst, was den Hofbauintendant Leo von Klenze dazu bewegt, 1828 gegenüber Ludwig I. zu beklagen, daß die strenge Bauaufsicht der Kunst schade.

Damit traf er auf ein offenes Ohr beim König, der daraufhin befahl die Bauaufsicht so zu gestalten, daß sie (Zitat): „bei möglichster Rücksicht auf die Finanzen die Kunst befördert werde, welche bei der dermaligen [Organisation] zu leiden scheint“ (Zitat Ende). Nachdem Vorschläge zur Erweiterung des Personalbestandes rundweg abgelehnt worden waren wurde in Reaktion auf die Wünsche des Königs die bis heute im Innenministerium bestehende „Oberste Baubehörde“ geschaffen, auch wenn sie in Reaktion auf den Vorwurf der Einschränkung von Kunst am Bau mehr eine Verwaltungsbehörde geworden war.

Diese Behörde blieb bis 1848 beim Innenministerium, Maximilian II. ordnete sie am 11.11.1848 dem von ihm neu geschaffenen Ministerium für Handel zu. 1871 schließlich löste Ludwig II. das Ministerium wieder auf und die Oberste Baubehörde kehrte zum Innenministerium zurück, wo sie bis heute zugeordnet ist, wie ich eingangs erwähnte.

 

Meine Damen und Herren,

neben der polizeilichen Aufsicht und dem nun ausführlich behandelten Bauwesen hat das Innenministerium einen weiteren großen Bereich abzustecken, der insbesondere im Rahmen der sozialen Frage unter Maximilian II. Eine große Rolle spielen sollte: Die Oberausfsicht über die geistlichen Dinge sowie die Rolle als Aufsichtsbehörde im Schul- und Universitätswesen.

Die zentrale Problematik bei der Frage der geistlichen Verwaltung war die territoriale Umstrukturierung Bayerns zuerst durch den Reichsdeputationshauptschluß, später auch durch die Neuordnung Europas nach dem Zusammenbruch des französischen Empire. Zum katholischen Altbayern kamen überwiegend protestantische Gebiete wie das Fürstentum Bayreuth-Ansbach, aber auch fränkische Reichsritterschaften und die Reichsstädte Nürnberg und Regensburg hinzu. Rund ein Viertel der bayerischen Bevölkerung war „plötzlich“ protestantisch – dem trug der König 1824 Rechnung indem er den Begriff der protestantischen Amtskirche offiziell genehmigte.

Im Verhältnis zwischen Staat und protestantischer Amtskirche, in der der katholische Monarch als Summus Episcopus fungierte, nimmt eine besondere Abteilung des Innenministeriums eine zentrale Stelle ein: das protestantische Oberkonsistorium. Zunächst als kleinere Abteilung mit unter anderem katholischen Beamten besetzte Verwaltungsstelle konzipiert wird es 1818 zu einer besonderen Behörde unter der Oberaufsicht des Innenministeriums ausgebaut: Der protestantische Präsident ist nun qua Amt Mitglied der Kammer der Reichsräte, was der protestantischen und reformierten Minderheit in Bayern ein angemessenes Mitspracherecht gewährt.

 

Meine Damen und Herren,

Friedrich Prinz überschreibt in seinem Werk „Die Geschichte Bayerns“ das Kapitel über Ludwig I. und Maximilian II. mit der Überschrift: „Ein König will aus seinem Land etwas machen.

Wenngleich sich dieses Zitat vornehmlich auf die Baupolitik Ludwigs I. bezieht, so trifft es in doch gleich mehrfacher Hinsicht auf die administrativen Veränderungen unter Ludwig und seinem Sohn zu. Mit Beginn der revolutionären Stimmung 1846/47 begann zunächst Ludwig damit, auch das Innenministerium den möglichen neuen Bedürfnissen anzupassen und Maximilian setzte diesen Weg konsequent fort.

Das Ministerium des Inneren, seit Montgelas so mächtig geworden, mußte nun gewaltig Federn lassen: Ludwig entzog seinem Innenminister Abel den gesamten Bereich für das Kirchenwesen und gründete 1847 ein neues „Ministerium des Inneren für kirchliche Angelegenheiten“. Diesem werden nicht nur die kirchlichen Angelegenheiten, sondern auch das Schul- und Bildungswesen zugeordnet, zuletzt sogar die Oberaufsicht über die Zensurmaßnahmen des Inneren, wobei selbige nicht mehr lange bestehen bleiben sollen.

Als in der Paulskirchenversammlung der neue bayerische Kultusminister Beisler 1848 die Forderung erhob, daß auch Laien künftig in der deutschen Katholischen Kirche ein Mitspracherecht erhalten sollten, erscheint er nicht mehr tragbar und sein Ministerium sollte aufgelöst werden. Mittlerweile war jedoch Maximilian II. König von Bayern, dem es angesichts seiner auf Wissenschaft, Bildung und Geschichte beruhenden Geisteshaltung eher zuwider war, das neue Kultusministerium gleich wieder aufzulösen, auch wenn es dafür eine Reihe von Verwaltungstechnischen Gründen gab.

Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiß: Das bayerische Innenministerium gab das Bauwesen an das neu zu schaffende „Ministerium des Handels und der öffentlichen Arbeiten“ ab, das auch aus dem Finanzministerium sämtliche Angelegenheiten der Wirtschafts-, Handels und Finanzierungspolitik erhielt. Im Gegenzug wurde das Schul- und Bildungswesen ebenso wie die kirchlichen Angelegenheiten wieder dem Innenministerium zugeordnet. Diese Konstruktion hielt allerdings nicht besonders lange: 1849 wurde das Kultusministerium auf die Initiative des Königs hin erneut gegründet und besteht mehr oder weniger in dieser Form ebenfalls bis heute fort

Nun war eine neue ministerielle Gliederung gefunden, die das administrative Handeln in Bayern für die Zeit Maximilians II. umfangreich bestimmen sollte.

Das neue Ministerium für Handel und öffentliche Arbeiten war nun ausschließlich für Industrie, Handel, Gewerbe und Verkehr zuständig. Es diente bis zu seiner Auflösung 1871 der Förderung bayerischer materieller Interessen und folgte einer Forderung des bayerischen Landtags.

Die große Zeit des Ministeriums des Inneren war damit vorbei: Die Machtfülle, die nicht nur die Minister auf der Kabinettsebene, sondern eben auch das Ministerium im administrativen Alltag hatte bekam es nicht wieder zurück, auch nicht als 1871 das Bauwesen erneut zum ihm gegliedert wurde.

Mit der Gründung und dem letztendlichen Fortbestehen des Kultusministeriums war dem Innenministerium der erzieherische und geistliche Bereich entzogen, der großen Einfluß auf die Entwicklung im Rahmen der sozialen Frage hatte. Mit dem Entzug der wirtschaftlichen Kompetenzen nahm das Ministerium des Inneren bei der Lösung dieser drängenden und weitestgehend im Vordergrund stehenden Problematik nur noch als „Polizeiministerium“ teil.

 

Meine Damen und Herren,

was ist eigentlich ein königlicher Beamter? Und vielleicht ebenso wichtig: Wer ist eigentlich ein königlicher Beamter?

Das moderne Beamtentum, das wir bis heute als tragende Säule der Gesellschaft haben ist eine Erfindung der absolutistischen Zeit; Die Entwicklung der königlichen Beamtenschaft ging im 19 Jahrhundert über zu dem rationalen, im Reglement festgeschriebenen Beamtentum, einem Staatsapparat, wie ihn Max Weber in seinem Aufsatz „Beamtenherrschaft und Führertum“ beschreibt.

Die anfängliche Abhängigkeit der Beamten vom Monarchen entwickelte sich rasch zu einem eher unabhängigen Staatsapparat. Diese Entwicklung war unter anderem der Tatsache geschuldet, daß für die anwachsenden Verwaltungs- und Ordnungsaufgaben auch immer besser geschultes Personal benötigt wurde. Der Monarch geriet gegenüber „seiner“ Beamtenschaft letztendlich ins Hintertreffen was die Fachinformationen betraf und mußte seine Entscheidungen damit auf die Informationen stützen, die ihm aus dem jeweiligen Ministerium gegeben worden war. Dabei konnte er gut oder schlecht beraten sein, die Verantwortung für die Entscheidung blieb zumindest in Bezug auf die Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit bei ihm.

Ins Reich der historischen Legendenbildung gehört jedoch eindeutig die oftmals zitierte Behauptung, daß das Berufsbeamtentum durch Kaiser Wilhelm I. erfunden worden sei7 – im Gegenteil, gerade die eben gezeichnete Entwicklung schließt eine zäsurale „Erfindung“ des Berufsbeamtentums aus.

Zu den wichtigsten Eigenheiten des königlichen Beamten gehörte seine Loyalität zum Staat und zum Reglement, das ihm den Rahmen vorgab, seine finanzielle Unabhängigkeit und seine Sachkenntnis. Verlangt wurde von ihm unbedingter Gehorsam8, Würde und ein auf den Ruf der Überparteilichkeit gerichteter Lebenswandel9.

Alles in allem bildete sich mit diesem Beruf auch ein gewisser Habitus heraus, der letztlich in einer eigenen, bürgerlichen Gesellschaftsklasse mündete10. Wer aber nun gehörte zu dieser Klasse, wer kam hinzu?

Dirk Götschmann hat eine umfangreiche Untersuchung über Herkunft und Karriere der einzelnen Beamten, die heute noch über Akten, welche hier im bayerischen Hauptstaatsarchiv liegen, nachvollziehbar sind, erstellt. Dazu gehört neben einer ausführlichen Vergleichsanalyse einzelner Karrieren insbesondere die Betrachtung der Hintergründe der Beamten – also ihre Schul- und Universitätsbildung, eine Berufsausbildung (sofern vorhanden) aber auch das Elternhaus. Eine vergleichbare Studie für das Königreich Preußen hat der Historiker Bernd Wunder verfasst – seine Ergebnisse werde ich nur vergleichend erwähnen.

Zu den Voraussetzungen für einen Posten im gehobenen Verwaltungsdienst zählte früh ein Studium11, 1803 schrieb eine Verordnung folgenden Weg vor:

Nach Abschluß des Gymnasiums erfolgt ein Studium der Rechtswissenschaften, wenigstens drei Jahre lang. Im Anschluß daran mußte ein mindestens ein Jahr andauerndes Praktikum abgeleistet werden, und zwar einem Gericht. Nach Abschluß dieses Praktikums konnte sich der Kandidat zum „Concurs“, also zur Staatsprüfung anmelden, die von zwei Räten der Behörde abgenommen wurde. Das Ergebnis sowie das Protokoll wurde noch einmal dem Kollegium vorgelegt und von diesem abschließend bewertet, getrennt in den Fächern Administration und Justiz. Die daraus errechnete Gesamtnote bestimmte schließlich die Chance auf eine Anstellung.12

Dieses sehr individuelle System wurde unter anderem wegen der Intransparenz kritisiert, und von daher 1810 zuerst durch eine gleichförmig gestaltete Staatsprüfung und im Rahmen der Reformen von 1830 schließlich durch eine einheitliche Prüfungsordnung mit normierten Prüfungen und einem Prüfungsreglement ersetzt. Auch das Praktikum wurde verlängert.

Diese lange Ausbildungszeit, der nicht selten eine längere Wartezeit auf eine Anstellung folgen konnte, setzte ein hohes Maß an Geduld und finanzieller Flexibilität voraus – tatsächlich war die Ausbildungsphase in aller Regel nicht bezahlt

Eine hohe Zahl von Referenten kam aus Familien, deren Väter ebenfalls akademisch gebildete Beamte gewesen waren. Rund die Hälfte der Referenten in den von Götschmann betrachteten Abteilungen waren die Söhne höherer Beamter.13 Dabei sticht heraus, daß es im Schnitt zwischen 1825 und 1864 etwa 59% waren, deren Väter akademisch gebildete Beamte waren, und noch einmal 7%, deren Väter anderen akademischen Berufen nachgingen.

Betrachtet man aber den Zeitraum zwischen 1848 und 1964 separat, so erhöhen sich diese Zahlen noch einmal Signifikant auf 70% beziehungsweise 10%.14 Diese Zahlen stellen jedoch nur ein Beispiel dar. So ist der Trend, den Götschmann hier nachweisen möchte unter anderen auch darin begründet, daß die Zahl der absoluten Neueinstellungen zwischen 1848 und 1864 lediglich 21 Personen beträgt. Im Vergleich dazu beträgt die Erfassung der gesamten Neueinstellungen der Referenten 71 erfasste Personen

Für die Gruppe der Ministerialräte, mithin die nächsthöhere Besoldungsstufe stellt sich im gleichen Zeitraum von 1825-1864 ein ähnliches Bild ein: rund 70% der Väter sind akademisch gebildete Beamte gewesen, weitere 8% Akademiker mit anderen Berufen. 75% haben überhaupt Beamte als Väter.15 Für die Zeit vor 1848 ergibt sich hier ein anderes Bild: 60,9% akademisch gebildete Beamte, 69% Akademiker generell.16 Nach 1848 beträgt das Verhältnis Akademiker zu bürgerlichen Berufen 80% zu 20%. Allerdings ist auch hier die Aussagekraft des reinen Zahlenverhältnisses einer einzigen Abteilung eher gering einzustufen; Die Zahl der zum Ministerialrat aufgestiegenen Personen zwischen 1848 und 1864 betrug lediglich 10 Personen.

Allerdings verschaffen diese Zahlen einen guten Einblick in die vorhin aufgestellte Hypothese einer sich entwickelnden bürgerlichen Schicht in der Gesellschaft, auch wenn man keinesfalls von einer homogenen Struktur unter den Beamten sprechen kann.

Wie sieht es denn damit aus in anderen Ländern jener Zeit? Lässt sich ein besonderer Beamtentypus festmachen, vielleicht gar unter Maximilian II.? Einen gewichtigen Unterschied zu Preußen findet sich tatsächlich – während in Preußen rund 80-90% der höheren Beamten aus der Oberschicht kamen waren es in Bayern im Schnitt 60%, wie der Historiker Bernd Wunder feststellte.17 Tatsächlich stellte in Bayern die Beamtenschaft, aber auch andere akademische Berufe wie Gymnasiallehrer oder Theologen Aufstiegsmöglichkeiten für eine leistungsbereite und leistungsfähige Mittelschicht dar.18

Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Aufstiegschancen innerhalb der Gesellschaft ist ein Allgemeinplatz – im 19. noch mehr als im 20. und 21. Jahrhundert. Dennoch lässt sich gerade im Hinblick auf den Vergleich mit Preußen und der starken Gewichtung der Oberschichten in den preußischen Beamtenrängen ein Blick auf den Unterschied zwischen adeliger und bürgerlicher Herkunft nicht vermeiden.

Hierbei muß man jedoch sorgfältig zwischen altadeligen Familien und jenen, bei denen die Väter oder Großväter einen erblichen Adelstitel erworben haben, unterscheiden. Die Sprößlinge altadelige Familien besetzen oftmals Posten die mit repräsentativen Aufgaben verbunden sind, beispielsweise Generalkommissare oder auch Regierungspräsidenten. Diese Positionen bleiben mit beinahe 60% Anteil eine „Domäne des Adels“19.

Anders hingegen ist es im Bereich der Ministerien selbst, lediglich 16-17% der Beamten im Innenministerium seien von adeliger Herkunft, beziffert der Historiker Walter Schärl20 seine Ergebnisse, die Götschmann weitestgehend bestätigt21. Hier kann also – ganz im Gegensatz zum Militär dessen Offizierskader vom Adel noch weitestgehend dominiert wurden, kein besonderer Einfluß des Adels auf den ministeriellen Alltag gemessen werden. Daß sich dieser Einfluß noch verkleinerte zeigt sich daran, daß nach 1848 lediglich ein Ministerialreferent aus adeligen Kreisen eingestellt worden war.

 

Meine Damen und Herren,

Die Zahlen zeigen deutlich auf, daß es eine gut nachvollziehbare Entwicklung hin zum Berufsbeamtentum gab. Des weiteren zeigen sie, daß sich eine gesellschaftliche Schicht herausbildete, die nach oben und unten zwar durchlässig war, letztlich aber eine eigene, bürgerliche Kultur entwickelte, der auch der König Rechnung tragen mußte. Die sich entwickelnde und professionalisierende Berufsbeamtenschaft konterte manch ein König mit einer unglaublichen Akten- und Detailversessenheit seinerseits, ein Verhalten das gelegentlich auch bayerische Ministerpräsidenten auszeichnete. Die Unabhängigkeit des so entstandenen Berufsbeamtentums verwaltete selbstständig den Staat und wehrte sich mitunter auch vehement gegen als Willkür empfundene Eingriffe seitens des Monarchen.

Aber die soziale Herkunft war nicht das einzige Kriterium, nach welchem man die Beamtenschaft untersuchen sollte. Eingangs erwähnte ich, daß durch die Angliederung diverser neuer Reichsgebiete in der Napoleonischen und Postnapoleonischen Zeit eine Reihe von neuen Faktoren die Verwaltung behinderten.

Eines davon war die bereits untersuchte Entwicklung einer Behörde für die protestantische Amtskirche, welche zuvor praktisch keine Rolle in Bayern gespielt hatte und nun fast ein Viertel der Bevölkerung stellte. Ein nicht zu unterschätzender Faktor dürfte jedoch gewesen sein, daß die damit einhergehenden Bevölkerungteile, die teilweise eine eigene Sprache und Kultur mitbrachten, in das bayerische Staatswesen integriert werden mußten.

Politisch versuchte Ludwig I. dies durch Kunst-Ideologie, Maximilian II. über die Förderung der Volkskultur.22 Dies ging nicht ohne Reibungen, insbesondere mit dem protestantischen Oberkonsistorium ab.

Innerhalb des Innenministeriums hingegen bildete sich das Verhältnis der alten und der neuen Bayern zueinander relativ rasch ab, was nicht zuletzt der Einrichtung des protestantischen Oberkonsistoriums geschuldet sein dürfte. Dieser Einfluß dürfte sich anfangs besonders bezeichnend niedergeschlagen haben.

Betrachtet man die 71 Ministerialreferenten in der allgemeinen Abteilung des Ministeriums von 1825 und 1848, so sind davon 76% katholisch – und 24% prostestantisch.23 Auch zwischen 1848 und 1864 ergibt sich kein signifikant anderes Bild. Auffallend ist hingegen, daß die Referenten größtenteils aus Altbayern und Franken kamen, jeweils zu etwa 40%.24 Etwa 10% kamen aus Schwaben.

Nimmt man aber diese Zahlen und sortiert sie nach den Zeiträumen und Rangstufen unter Ministerialräten und Ministerialsekretären, so stellt man fest daß die zahl der Nichtbayern, die vor 1847 immerhin 22,8% der Ministerialräte ausgemacht hatten auf Null fällt – im Gegenzug steigt die Zahl der Schwaben und Pfälzer konsequent an.

Bei den Ministerialsekretären bietet sich ein ähnliches Bild – wobei es im Zeitraum von 1825 bis 1864 keinen Pfälzer Ministerialsekretär im bayerischen Innenministerium gegeben hat. Der Anteil der Franken war bei Ministerialräten höher als bei den Referenten, insgesamt waren sie leicht stärker repräsentiert als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprach, ganz im Gegensatz zu Schwaben und Pfälzern, die teilweise vollkommen unterrepräsentiert waren. Götschmann erklärt dazu (Zitat): „Hier dürfte es sich allerdings im eine innenministerielle Besonderheit handeln, da die Pfalz wegen ihrer zahlreiche abweichenden Verwaltungsvorschriften immer ein Fremdkörper in der inneren Verwaltung blieb. Offensichtlich fehlte aber auch der Wille, eine Integration aus dieser Ebene voranzutreiben. Dies ersieht man daraus, daß nicht ein einziger Pfälzer als Ministerialseketär eingestellt wurde, denn damit unterließ man von vorneherein jeden versuch, intensive Verbindungen auf der obersten Ebene der Inneren Verwaltung herzustellen.“ (Zitat Ende).

Diese fehlende Verbindung auf der Ebene der Inneren Verwaltung schließlich machte es den Pfälzern schwer, den Anschluß nach Bayern zu finden und wenigstens verwaltungstechnisch „dazu zu gehören“.

 

Meine Damen und Herren,

wenn ich nun ein Fazit ziehen müsste, so muß ich noch einmal an den Anfang zurückkehren. Ausgehend von den Entwicklungen der Behördenstruktur zwischen 1817 und 1864, die ich Ihnen anhand zweier Bereiche, namentlich dem Bauwesen und dem Schulwesen sowie der geistlichen Aufsicht, führte ich Sie durch die Entwicklungen der Sozialstruktur des Ministeriums mit der besonderen Berücksichtigung auf den Bruch 1847, der als Zäsur auch in der innenministeriellen Entwicklung zu verstehen ist und letzten Endes landeten wir nun beim in Bayern allgemein so beliebten Regionalproporz.

Welches Bild ergibt sich aus diesen Erkenntnissen für die Horizonte administrativen Handelns im mittleren 19. Jahrhundert in Bayern?

Die Entwicklung zum modernen Staat war in ganz Europa zu spüren und ist auch für jeden deutschen Teilstaat nachzuvollziehen, allerdings gibt es eine Reihe von Unterschieden die historischer, kultureller und politischer Natur geschuldet waren. Während sich in Preußen eine professionelle, aber vor allen Dingen gehorsame Beamtenschaft entwickelte, die dem preußischen König nicht nur ergeben, sondern auch bis zum letzten Detail untergeordnet war, so zeigen sich in Bayern andere Entwicklungen. Bayerische Beamte waren nicht weniger loyal als preußische, aber das Berufsbeamtentum legte viel Wert auf die Unanfechtbarkeit der Verfahrensweise.

Willkürliche Strafversetzungen von unliebsamen Beamten kamen zwar vor, wurden aber höchstens geduldet und oftmals setzte sich die Behörde für den in Ungnade gefallenen Beamten ein. Insbesondere nach der Revolution von 1848 gab es zwar eine Reihe von Verhaftungen, Aburteilungen und Entlassungen, aber es setzte weder eine politische Verfolgung, noch eine scharfe Gewissenskontrolle der Ministerien ein, wie das in Preußen der Fall gewesen war.

Im Gegenteil: Durch das Beibehalten der Märzforderungen in ihrer Substanz, also der Versammlungsfreiheit und der Vereinsfreiheit, sogar durch das Einspannen der letzteren für politische Ziele blieb in Bayern die Lage verhältnismäßig ruhig.

Gleichzeitig festigte dieses Verhalten den Schwund an Kontrolle des Monarchen über die Bürokratie, die damit die Macht über Funktion und Wohl des Staates übernahm, wie Max Weber treffend analysierte. Die sich entwickelnde Rechtssicherheit, die nicht nur verfassungsrechtliche Aspekte hat, sondern auch verfahrensrechtliche gab dem Apparat die Kontrolle über das wie – und die sich durch ihn entwickelnde gesellschaftliche Schicht nahm diese Macht an sich.

Die Macht der Behörden war und ist jedoch beschränkt – sie ist nicht nur ebenso an Recht und Gesetz gebunden, sondern in bestimmten Gebieten dem Monarchen auch nach wie vor streng untergeordnet – das galt besonders für den Bereich Außenpolitik, was das Beispiel zeigt, als sich Maximilian II. gegen die Reichsverfassung des Paulskirchenparlaments aussprach und es damit zu Fall brachte – obwohl seine eigenen Beamten zu einem nicht unerheblichen Teil anderer Ansicht waren.

Es sollte außerdem nicht vergessen werden, daß die Behörde, soviel macht sie auch über das „Wie“ besitzt, nach wie vor an die Weisungen ihrer Minister, Regierung und ihres Monarchen gebunden ist. Den Konflikt zwischen dem protestantischen Oberkonsistorium und dem Monarchen über die „illustrierte Geschichte Bayerns“ von Thomas Driendl konnte der König klar und deutlich für sich entscheiden, weil eben der Monarch, und nicht die Behörde die Weisungsinstanz ist.

Im Gegensatz dazu zeigt die Entwicklung des Gewerbewesens deutlich die Verfahrensweisen und die Stärke administrativen Handelns und administrativer Macht, aber auch die Schwächen und Konkurrenzverhältnisse was bestimmte Machtbefugnisse angeht.

Das Gewerbe in Bayern war in den Anfangsjahren Ludwigs I. noch in Zünften organisiert, es existierte keine Gewerbefreiheit. Obwohl dies eine Kernforderung der liberalen Abgeordneten im bayerischen Landtag war schlossen sich diese gegen die entsprechenden, liberal zu nennenden Pläne des Königs zusammen und ermöglichten so letztendlich eine konservative Phase der Restauration. Das Innenministerium übernahm an dieser Stelle nur eine Übermittlerrolle ein: Es lieferte statistische Informationen, war aber selbst nicht aktiv an der Entwicklung beteiligt sondern hatte das Heft des Handelns an den Landtag übergeben.25

Mit dem neuen Minister Öttingen-Wallenstein wurde das Innenministerium jedoch aktiv. In Form von Kommissionen erarbeitete das Innenministerium einen neuen Gesetzentwurf der allzu libertäre Auswüchse in der Gewerbepolitik einzudämmen versuchte. So sollte beispielsweise bei einem Antrag auf Zulassung eines Gewerbes zunächst das, ich zitiere, „amtlich ermittelte Vorhandenseyn der erforderlichen Absatz-Gelegenheit und des Fortkommenkönnens des Bewerbers und seiner Familie auf dem nachgesuchten Gewerbe.“26 (Zitat Ende) ermittelt werden. Auch verlangte die Konzession zunächst eine amtliche Ermittlung (Zitat) „auf den fortwährend gesicherten Nahrungsstand der schon bestehenden Meister“27 (Zitat Ende).

Der Staat sollte also nach dem Willen des Ministeriums die Aufgabe und Rolle der Zünfte verstärken, auch bis dato zunftfreie Gewerbe mußten nun Zünfte bilden. Der Landtag, dessen liberaler Widerstand durch die vorhin erwähnte liberale Gewerbepolitik ohnehin geschwächt war, übernahm die meisten Teile des Gesetzes ohne nennenswerten Widerstand, lediglich das Gewerbsgesetz als solches wurde vom König fallengelassen. Das Ministerium beschritt daraufhin einen anderen Weg indem es nach und nach die Vollzugsverordnungen anpasste.

Unter Maximilian II. änderte sich einiges. Die konservative Gewerbepolitik, die auch vom Innenministerium in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts verfolgt wurde, erfuhr eine radikale Neubewertung mit der Revolution von 1848. Die liberale Ausrichtung des Paulskirchenparlamentes und die damit einhergehende, grundsätzlich liberale Sozial- und Gewerbepolitik der Revolutionäre bewegte den Mittelstand dazu, sich von der Revolution abzuwenden.28

Zu Beginn der 1850er Jahr nun wurde das Handelsministerium beauftragt, die Gewerbepolitik weiterzuverfolgen. Bei Konzessionen sollte mehr auf Tüchtigkeit und Ausbildung, aber auch auf das korrekte Verhalten wert gelegt werden. Ende 1852 stand ein Konzept für eine Gewerbeordnung und eine Expertenkomission wurde einberufen um das Gesetz vollständig zu formulieren.

Die Gewerbeordnung von 1853 hatte also eine recht beachtliche, administrative Entwicklung hinter sich: Zunächst als Initiative der Bevölkerung beim Parlament, dann aber rasch, als die Betroffenen sich durch diese Ordnung bedroht fühlten, lag die Initiative wieder bei den Ministerien. Der Idealismus der ersten Zeit wurde mit der Objektivität der Behörde beantwortet. Dieser Objektivität allerdings sind stark konservative Züge anzumerken: Vergleicht man die industriellen und gesellschaftlichen Entwicklungen zwischen 1825 – der ersten Gewerbeverordnung – und 1853, so stellt sich rasch die Erkenntnis ein, daß der Entwicklung kaum Rechnung getragen wurde.

Diesen Zustand wollte Maximilian II. auch im Rahmen seiner Sozialpolitk Rechnung tragen. 1860 bekam der zuständige Ministerialdirektor Braun den Auftrag, eine neue, diesmal liberalere Gewerbeordnung zu entwickeln. Angestoßen wurde diese Tatsache nicht zuletzt von der recht liberalen Gewerbeordnung, die in Österreich 1859 eingeführt worden war.

Auch hier ging das Gesetz zunächst seinen Gang: Zuerst wurden die Kreisregierungen angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten. Die entstehenden Schwierigkeiten, auf welche die Ministerien stießen, führten zu einer langsameren Entwicklung was den Landtag dazu brachte, sich einzuschalten. Dieser plädierte nach Beratungen dafür, das ursprüngliche Recht von 1825 wieder anzuwenden aber diesmal liberaler auszulegen, was sowohl dem Innen-, wie auch dem Handelsministerium entgegenkam.29 So waren die Behörden in der Lage, die Entwicklung zu beobachten und die auszuarbeitenden Regeln an die Wirklichkeit anzupassen statt wie beim vorherigen Versuch von 1853 die Wirklichkeit den Regeln anpassen zu wollen.

Beobachtet man allerdings die Vorgänge über die Zeiten hinweg so kann man, wie es Götschmann in seiner Arbeit tut, das Resümee ziehen, daß die Gewerbepolitik tatsächlich ganz massiv von den Behörden gestaltet worden ist.30 Dabei vollzieht sich auch ein Wandel im Selbstverständnis der politischen Balance: Waren unter Montgelas Regierung und Administration die eigentlichen Machthaber im Lande so bekam das Parlament nach und nach mehr Gewicht. Die Behörde löste sich von der Exekutive und wich auf einen neutraleren Standpunkt zwischen Regierung und Parlament aus, der keinesfalls völlig unabhängig war, sich aber sichtlich um Neutralität bemühte. Dieser Wandel spricht auch einen neuen Begriff des Absolutismus an: aus dem absoluten Monarchen wurde der absolute Staat.

Letztlich zählte das Ergebnis in der Sache und das Ministerium konnte bei einigen Vorgängen die Rolle des Vermittlers zwischen Regierung und Parlament einnehmen.

Literaturverzeichnis:

  • Götschmann, Dirk: Das bayerische Innenministerium 1825 – 1864. Organisation und Funktion, Beamtenschaft und politischer Einfluss einer Zentralbehörde in der konstitutionellen Monarchie, Göttingen, 1993.
  • Krauss, Marita: Herrschaftspraxis in Bayern und Preußen im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1997.
  • Prinz, Friedrich: Die Geschichte Bayerns, München/Zürich 1997.
  • Schärl, Walter: Die Zusammensetzung der bayerischen Beamtenschaft von 1806 bis 1918, Kallmünz 1955.
  • Volkert, Wilhelm: Geschichte Bayerns, München2 2001.
  • Weber, Max: Beamtentum und politisches Führertum, in: Weber, Max: Gesammelte politische Schriften, Tübingen2 1958.
  • Wunder, Bernd: Geschichte der Bürokratie in Deutschland, Frankfurt am Main 1996.

Online-Ressource:

——- Fußnoten ——-

1 Weber, Max: Beamtentum und politisches Führertum, in: Weber, Max: Gesammelte politische Schriften, Tübingen2 1958, S. 308.

2Volkert, Wilhelm: Geschichte Bayerns, München2 2001, S. 65.

3Götschmann, Dirk: Das bayerische Innenministerium 1825 – 1864. Organisation und Funktion, Beamtenschaft und politischer Einfluss einer Zentralbehörde in der konstitutionellen Monarchie, Göttingen, 1993.

4So unter anderem Vergleichend mit Krauss, Marita: Herrschaftspraxis in Bayern und Preußen im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1997.

5Siehe hierzu die Selbstdarstellung des bayerischen Innenministeriums unter http://www.stmi.bayern.de/ministerium/aufgaben/ (Zuletzt abgerufen am 16.8.2011).

6Montgelas ausführlicher unter: Prinz, Friedrich: Die Geschichte Bayerns, München/Zürich 1997, S. 259-294.

7Wunder, Bernd: Geschichte der Bürokratie in Deutschland, Frankfurt am Main 1996, S. 17.

8Wobei sich an dieser Stelle trefflich diskutieren ließe, ob dieser Gehorsam zuerst der Krone und dann der Verfassung oder umgekehrt zu leisten war. Die Innenpolitik und der Umgang mit „aufmüpfigen“ Beamten wird in Preußen sehr anderes gehandhabt als in Bayern unter Maximilian auch wenn dies – aus Furcht vor einer Revolution (Prinz, Geschichte Bayerns, S. 320f) oder aus staatspolitischer Weitsicht (Krauss, Herrschaftspraxis S. 211f) – insgesamt eher moderat blieb.

9Krauss, Herrschaftspraxis, S. 197ff.

10Krauss, Herrschaftspraxis, S: 202.

11Götschmann, Innenministerium, S. 134.

12Götschmann, Innenministerium, S. 135f.

13Götschmann, Innenministerium, S. 482.

14Götschmann, Innenministerium, S. 483.

15Götschmann, Innenministerium, S. 484.

16Götschmann, Innenministerium, S. 484.

17Wunder, Bürokratie, S. 80.

18Wunder, Bürokratie, S. 81.

19Götschmann, Innenministerium, S. 491.

20Schärl, Walter: Die Zusammensetzung der bayerischen Beamtenschaft von 1806 bis 1918, Kallmünz 1955, S. 49.

21Götschmann, Innenministerium, S. 491.

22Prinz, Geschichte Bayerns, S. 321.

23Götschmann, Innenministerium, S. 493. Hier steht es allerdings falsch herum, ein Druckfehler wie ich vermute.

24Götschmann, Innenministerium, S. 493.

25Götschmann, Innenministerium, S. 540.

26Götschmann, Innenministerium, S. 553.

27Götschmann, Innenministerium, S. 554.

28Götschmann, Innenministerium, S. 570.

29Eine Detaillierte Beschreibung des Vorgangs und der Überlegungen finden sich bei Götzschmann, Innenministerium, S. 593-598.

30Götschmann, Innenministerium, S. 598f.

Urteil und Hinrichtung des Hieronymus von Prag auf dem Konzil zu Konstanz im Mai des Jahre 1416

Hieronymus von Prag

„Und als man inn ußhin fuort, do betrott er den Credo, und wenn der uß was, so vieng er an ze singen die letany und dann aber den Credo. Und ward och verbrent an der statt, da der Hus verbrennet ward, und hortt man im och kain bicht, glich wie dem Hussen.“1

So leitet Ulrich von Richental in seiner Chronik den Tod des Hieronymus von Prag ein, den er mit einer recht dramatischen Schilderung des grausamen Endes abschließt: „Und lebt in dem für vast lenger dann der Huss und schrayt vast grülich, dann er was ain va[i]ßter, starker man mit ainem schwartzen diken und großen bart. Und do er verbrennet ward, do ward och die äsch und alles, so da waz, in den Rin gefürt. Und waintend vil gelerter lüt, das er verderben muost, wann er vast gelerter was denn der Huss. Er was worden maister in artibus zuo Prag, in der statt ze Lundus in Engeland, zuo Köln und zuo Erdfurt.“2

Ein Gelehrter, ein Ketzer? Ein stattlicher Mann mit einem großen schwarzen Bart der offenbar viel Eindruck auf seine Mitmenschen machte, so schildert Ulrich Hieronymus, dessen Tod durch die Hinrichtung des Johannes Hus im Rahmen der Konzilsgeschichte untergeordnet scheint, den Zeitgenossen aber offenbar ebenso viel bedeutete.

Wer war dieser Gelehrte? War er ein Kirchenreformer, der im Streit mit anderen Reformern, jenen des Konzils, den Kürzeren gezogen hatte3 oder war er nur ein Radikaler4?

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wer dieser Mann im Spiegel sowohl der Zeitgenossen, wie auch der Geschichtsschreibung gewesen ist und ob seine Verurteilung – die durch einen interessanten Prozess entstanden ist – möglicherweise wie bei Johannes Hus ein Justizmord5 war.

  1. Das Leben des Hieronymus von Prag.

1.1. Lebenslauf

Hieronymus von Prag, sein tschechischer Name lautet Jeromŷn Prasžský, wurde zwischen 1365 und 13806 in Prag geboren. Er galt als ein Schüler des etwa 10 Jahre älteren Johannes Hus7, als er in Prag studierte. 1398 reiste Hieronymus nach England8, wo er mit den Schriften des John Wycliff in Kontakt kam, knappe 17 Jahre nach dem Bauernaufstand, der neben seinen sozialen Ursachen auch die Entwicklung des Lollardentums beschleunigte. Anschließend verbrachte er einige Jahre in Jerusalem, dann in Europa. Seine Anwesenheit konnte unter anderem nachgewiesen werden für Paris, Köln, Oxford, Heidelberg und Wien9.

Diese umfangreiche Reisetätigkeit, die vielleicht auch Abenteuerlust gewesen sein mag, scheint vor dem Hintergrund eines zwar längst widerlegten10 statischen Mittelalters, das aber dennoch Grenze und Fremdheit11 kannte und engen Grenzen der Mobilität unterlag, zumindest beachtlich.

Schon die Zeitgenossen waren von der Gelehrsamkeit, sowie der Welt- und Redegewandheit des Hieronymus von Prag sichtlich beeindruckt. So beeindruckt, daß die „hohen Adelskreise“ – wie Brandmüller es formulierte12 – sich mit nachdrücklichen Protestschreiben gegen seine Hinrichtung an das Konzil wandten, was angesichts des Selbstverständnisses des Konzils als letztlich unfehlbare Instanz13 eine bemerkenswerte Tatsache ist.

Hieronymus hat nur wenig Schriften hinterlassen14, er galt hingegen als brillanter Rhetoriker und Prediger, dem wohl eine Schlüsselrolle in den Auseinander-setzungen an der Prager Universität, die im Kuttenberger Dekret 1409 gipfelten, zukam15.

Das Kuttenberger Dekret vom 18. Januar 140916 ordnete die Stimmenzahl der an der Universität in Prag vertretenen Nationes neu an: Hatten bis dahin alle vertretenen Nationes eine Stimme, so bekam die böhmische nun 3 Stimmen während die anderen zusammen lediglich eine Stimme erhielten. Dies sollte das Verhältnis zwischen der Mehrheit der böhmischen Studenten und der Minderheit der Auswärtigen korrigieren, entsprach allerdings nicht den Tatsachen. Wie der Historiker František Šmahel17 nachwies, war nur ein geringer Teil der Studenten tatsächlich böhmischen Ursprungs: „Not only was the answer itself a surprise, but so was its numerical expression. During the period under review, from the winter semestre of 1398 to the end of the winter semestre of 1409, only a fifth of the candidates (19.81 per cent) or the bachelor’s degree, and not quite a third (29,12 per cent) for the master’s degree belonged to the Bohemian nation.18

Dieser Durchschnitt wurde im Zeitraum von 1406-1409 noch einmal deutlich unterboten19. Aus Protest verließen eine Vielzahl von Studenten, vor allem aber ein Großteil des akademischen Personals die Universität und gingen nach Heidelberg, Krakau, Paris oder Bologna20.

Als nationalbewußter Tscheche21 konnte Hieronymus von Prag diese Entwicklung nur begrüßen, war die böhmischen Bevölkerung doch der Bevormundung durch die Deutschen und das Reich gründlich überdrüssig. Auf die Rolle des Magisters und die Auseinandersetzungen zwischen der tschechischen Nationalbewegung, dem Hussitismus und den deutschen Akademikern soll allerdings im Anschluß näher eingegangen werden.

Als Johannes Hus am 28. November 1414 verhaftet wurde – entgegen der Zusicherung des freien Geleits durch König Sigismund22 – reiste Hieronymus von Prag zum Konzil von Konstanz, um seinen Lehrer zu verteidigen. Er kam am 4. April 1415 in Konstanz an, erhielt jedoch keine Gelegenheit, vor dem Konzil zu sprechen23. Da er sich vom Konzil mißtrauisch beäugt, vielleicht sogar verfolgt fühlte, setzte er sich zunächst nach Überlingen ab um über Briefe mit dem Konzil Kontakt aufzunehmen24. Auch dieser Versuch scheiterte und Hieronymus wandte sich anschließend mit Briefen und Anschlägen an Kirchen an die Öffentlichkeit, bevor er fluchtartig versuchte, das Reich zu verlassen.

Auf dem Rückweg jedoch wurde er in Hirsau25 aufgegriffen und inhaftiert. Er blieb zwischen seiner Verhaftung vor dem 17. April 1415 bis zu seiner Auslieferung an das Konzil am 23. Mai 1415 Gefangener des Herzogs Johann von Bayern. In der folgenden Zeit bis zum 23. September 1415 setzte ihm das Konzil mit scharfen Verhören zu, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Auch dürfte die Verbrennung des Johannes Hus am 6. Juli 1415 einen deutlichen Eindruck auf dessen Schüler gemacht haben26. Am 23. September widerrief Hieronymus von Prag ausführlich seine bisherigen Lehren27.

Dennoch blieb er weiterhin in Haft, da ihm der Widerruf nicht von allen Konzilsteilnehmern abgenommen wurde und die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern und den Gegnern des Hieronymus nahmen zu.28

Am 24.2.1416 wurden Jean de la Rochetaillé und Nikolaus von Dinkelsbühl zu Untersuchungsrichtern bestellt, nachdem man den Vorgängern vorwarf, sie wären bestochen worden29. Am 27.4.1416 wurden Hieronymus eine Reihe theologischer und praktischer Anklagepunkte vorgelegt. Mehr als 110 Punkte umfasste die Liste und die Richter kamen zu dem Schluß, der Widerruf sei ein Trick gewesen und er müsse unter Folter erneut abschwören. Dem jedoch gab das Konzil nicht statt.30

Am 23.5.1416 durfte Hieronymus öffentlich Stellung nehmen, allerdings war er nicht bereit unter Eid auszusagen, dagegen hielt er, wohl im sicheren Wissen, daß er verloren war, seine vielbeachtete Verteidigungsrede am 26. Mai 1416 und widerrief seinen Widerruf.31

In der 21. Sessio am 30.5.1416 kam es schließlich es zum Urteil32, wobei sich Hieronymus noch einmal ein Wortgefecht mit Jacopo Balardi Arrigoni, dem Bischof von Lodi, lieferte. Noch am selben Tag wurde er verbrannt, wobei ihm nachgesagt wird, er habe die Ketzermütze aufgesetzt und gerufen: „Christus hat die Dornenkrone getragen!“

1.2. Die Universität von Prag und der Hussitismus – eine nationale Auseinandersetzung?

Dieser Ausspruch, ob wahr oder nicht, sagt eine Menge über darüber aus, welche Wirkung Hieronymus von Prag auf Zeitgenossen und Nachwelt gehabt haben muß, auch wenn Hieronymus „dem Blick der Historiker vieler Generationen entgangen ist“33.

Ein weiterer Aspekt seiner Persönlichkeit neben der oben bereits ausgeführten Reiselust, ist der Laientum, dem er, obwohl studierter Theologe, sein Leben lang folgte. Er empfing niemals die Weihe sondern konzentrierte sich eher auf die philosophischen Aspekte der Theologie34. Daraus leitete er seine praktische Kritik an der Kirche, besonders auch an der mangelhaften Bildung des Klerus ab – was Šmahel dahingehend umdeutet, daß man aus dem Laientum des Hieronymus von Prag einen gewissen Antiklerikalismus erkennen könne35, wenngleich diese Aussage ein wenig gewagt erscheint, da Hieronymus als geweihter Geistlicher wohl einfach nicht die Freiheiten in Reise, Wort und Schrift hätte haben können, die er doch offenbar als essentiell für sich verstand.

Diese Reiselust, dieses Interesse an der Welt mutet jedoch in gewisser Hinsicht seltsam an, betrachtet man seine stark nationalen Ausprägungen die ihn zu einem leidenschaftlichen Kämpfer für die böhmische Sache an der Prager Universität machten.

Hieronymus von Prag verknüpfte die wiclifistische Strömung und Reformationsbewegung eng mit der tschechischen Nationalbewegung36. Trotz der Tatsache, daß sein Aufenthalt in Prag von seinem Wirken an anderen Universitäten ständig unterbrochen wurde, kehrte er nach Prag zurück, also an der dortigen Universität die Auseinandersetzungen zwischen den Nationes37 auf dem Höhepunkt angelangt waren38. Die Verknüpfung der wicliff’schen Strömungen mit den nationalen Strömungen gelang ihm nicht zuletzt, weil er die Existenzangst der tschechischen Studenten besonders an der artistischen Fakultät durch die hohe Zahl nichttschechischer Studenten mit der dadurch auch entstehenden zahlenmäßigen Unterlegenheit der Anhänger der Lehren Wicliffs.39 Damit verbanden sich Reformbewegungen und Nationalbewegungen an der tschechischen Universität was sicherlich einer der Stützpfeiler der hussitischen Bewegung gewesen ist.

Zusammenfassend kann man die Auseinandersetzungen an der Universität von Prag sehr wohl als eine nationale Auseinandersetzung betrachten – doch erst mit Erscheinen und Wirken des Hieronymus von Prag, der dadurch auch Kontakte bis zum Hof des Königs knüpfte40, verband sich der Nationalismus der Tschechen mit den Reformbestrebungen durch Wicliff, Hus und letztlich auch Hieronymus.

  1. Die Reisen nach Konstanz

Lange bleibt Hieronymus jedoch nicht in Prag, wo es ihm gelungen war, sich eine Vielzahl von Feinden zu schaffen die allesamt nun in Europa verstreut waren aber begannen, gegen ihn zu wirken – ein Faktum, daß ihm in Konstanz letztendlich auch das Genick brechen sollte.

Die Auseinandersetzungen zwischen böhmischen und deutschen Studenten und Magistern an der Universität in Prag sowie die unter anderen durch Hieronymus erzeugte Verbindung zwischen nationaler, sozialer und reformistischer Bewegung in Böhmen beschäftigten das Konzil in Konstanz mit Sicherheit41 – keinesfalls konnte es sich der politischen Folgen der eigenen Politik in der Causa Fidei entziehen.

Als Hieronymus von Prag daher am 4. April 1415 in Konstanz erschien um Johannes Hus zu verteidigen tat er dies nicht nur um die Reformbewegung zu unterstützen sondern ebenso, um die Tschechen vor einem Kirchengericht zu verteidigen, das wegen der Gegnerschaft zu vielen Reformbestrebungen sich in Hieronymus Sicht letztendlich auch der Gegnerschaft gegenüber den Böhmen verdächtig machte.

Sein Handeln ist jedoch besonders für seine – meist lautstarke42 – Vorgehensweise bemerkenswert unspektakulär. Er versucht eine Audienz beim Konzil zu erwirken und scheitert nach mehreren Anläufen, woraufhin er sich aus Konstanz zunächst wieder zurückzieht.

Dieser Weg nach Konstanz hinein und wieder hinaus nach Überlingen wird sowohl von Brandmüller43, als auch von Šmahel44 als Versuch gedeutet, sich zwar kundzutun aber potentiellen Nachstellungen durch das Konzil zu entziehen. Šmahel nennt das sogar das „Wiener Manöver“45.

Tatsächlich scheint Hieronymus von Prag sich der potentiellen Gefahr durchaus bewußt gewesen zu sein, dennoch versucht er mit Hilfe von Anschlägen an Kirchen und Klöstern seine Verteidigungsschriften unter die Leute zu bringen, bevor er sich vollständig zur Flucht wandte.

Für Hieronymus schien klar gewesen zu sein, daß er für Hus nichts in Konstanz erreichen konnte und stattdessen den Kampf besser in Böhmen fortsetzen sollte – wobei nicht ganz klar ist ob er wirklich nach Böhmen reisen wollte. Brandmüller beschreibt, daß Hieronymus „die Heimreise“ antrat, dann aber in Hirsau aufgegriffen worden sei46. Ein Blick auf die Karte und die Strecke47 zeigt jedoch, daß sich Hieronymus zunächst einmal nach Norden Richtung Karlsruhe gewandt haben soll und ganz und gar nicht Richtung Böhmen wanderte. Wollte er die bayerischen Gebiete der Wittelsbacher umgehen?

Interessant ist hingegen, wenn man diese Darstellungen mit jeder des Ulrich von Richental vergleicht. Schon die Darstellung der ersten Ankunft des Hieronymus von Ulrich lässt wenig Zweifel an seiner Sicht vom Charakter des Hieronymus: „(152) Darnach uff mentag an dem hailgen tag ze ostran, do kam Jeronimus haimlich mit ainem schuoler gen Constanz, und wißt es nieman von manigfaltigkait des volks, und schluog ainen brief an: Er wissoti anders nit, dan daz maister Hanns Huss recht geleret und gepredigott hett. Doch so wärind im ettlich artikel zu gezogen von findschaft wegen. War sach, das er die hielt da vor künd nit schirmen. Und als bald er den brieff angeschlagen hett, do lüff er glich hinweg.48

Hieronymus habe also – ganz anders als es Brandmüller oder auch Šmahel beschreiben – heimlich einen Brief angeschlagen und sei sofort wieder davongelaufen. Interessanter Weise sei er bis zum Böhmerwald gekommen: „Und kam also an den Behemer wald und wolt da ruowen.“49, wo er sich dann in einem Gelehrtendisput verraten habe und nach Konstanz zurückgebracht worden sei50.

Rein aus der geographischen Orientierung heraus ergibt die Darstellung der Quelle mehr Sinn, als die späte Zusammenfassung Brandmüllers, der die Verhaftung noch dazu nicht mit einer Quelle belegt. Tatsächlich kann man hier davon ausgehen, daß er einen Tippfehler beging und in Wahrheit Hirschau in der Nähe von Sulzbach-Rosenberg meint, eine Tatsache, die auch durch eine Quelle gestützt ist51. Und in Anbetracht der von alles Quellen genannten Vorführung des Hieronymus vor den Herzog von Bayern in Sulzbach Sinn ergibt.

Letztlich ist der Weg der zweiten – und zweifellos unfreiwilligen – Reise des Hieronymus von Prag nach Konstanz somit vollständig rekonstruiert.

  1. Auf dem Konstanzer Konzil

    3.1 Die Darstellung des Prozesses gegen Hieronymus bei Poggius Florentinus und Ulrich von Riechenthal.

Blickt man nun auf die Prozesse gegen Hieronymus von Prag, so gibt es eine Reihe von Quellen dazu, aus denen für die folgende Betrachtung zwei erzählende Quellen ausgewählt werden: Die des Poggius Florentinus52 und jene von Ulrich von Riechental.

Die Darstellung in den offiziellen Quellen wie dem Urteil des Konzils geben nicht ausreichend Aufschluß über die Wirkung dieses Urteils auf die Zeitgenossen wohingegen die Darstellung des Urteils in den Chroniken oder eben den Sendbriefen des Poggius dies sehr wohl vermögen.

Poggius Florentinus Sendbrief wurde von Niclas von Weyl „aus dem Latein ins nachfolgende Deutsche gebracht“53, welche er für Graf Eberhart von Württemberg vor 1536 anfertigte. Poggius wiederum schrieb als Zeuge des Konzils an seinen Freund Leonardo Arentino54.

Poggius Florentinus (oder auch Poggio Braccolini) wurde 1380 in Terranuova Bracciolini geboren und gilt als einer der bedeutenden Humanisten der italienischen Renaissance. Während des Konstanzer Konzils war er als Sekretär beim Kardinal von Bari angestellt und benutze den Aufenthalt nördlich der Alpen vorwiegend dazu, antike Handschriften zu suchen, was ihm auch gelang. Bis zu seinem Tode 1459 veröffentlichte er eine Vielzahl humanistischer Schriften und Bearbeitungen antiker Quellen.55

Poggius bewunderte offensichtlich Hieronymus von Prag zum Einen für dessen große Gelehrsamkeit56, seinem guten Gedächtnis57 und seiner Redekunst58, andererseits aber auch für dessen Keckheit und Mut59.

Dem gegenüber zeichnet er ein eher düsteres Bild von seinen Anklägern. Sie unterbrechen Seine Rede oftmals mit großem Geschrei und Gemurmel60, versuchen den Angeklagten in Streitgespräche zu verwickeln um ihn vor den Augen des Konzils negativ erscheinen zu lassen61 und begehen letztendlich ein falsches Urteil wider einen „lobswürdig[en]“62 Mann aus „Haß und freventlicher Verachtung der andern“63.

Die hohe Redekunst, der Poggius einen ganzen Absatz widmet64, wird auch maßgeblich dafür verantwortlich sein wie sich die Menschen mit dem letztlichen Urteil auseinandersetzten: „Großes Leid war aller umstehenden Menschen, wo ein rechts Gemüt an sich genommen haben wollte“65.

Schließlich, bei der Vollstreckung des Urteils, habe Hieronymus darum gebeten, das Entzünden des Scheiterhaufens selbst zu sehen: „‚Gehe hierfür‘, sprach er, ‚und zünd mir das Feuer vornan unter Augen. Denn hätt ich das gefürchtet, so wär ich wohl an die Statt nit kommen, weil mir die Macht geben war, das zu fliehen.'“66

Im Gegensatz zu Poggius Florentinus hatte Ulrich von Richental wohl eher ein kaufmännisches Interesse am Konzil von Konstanz, war er doch im Gegensatz zu Poggius auch ein Einheimischer. Er ist um 1365 geboren und hatte niedere geistliche Weihen empfangen, allerdings kam seine Karriere durch den Tod Bischof Mangolds von Konstanz 1385 und dem darauffolgenden Schenk des Bistums auf die römische Linie im Schisma zum Erliegen, woraufhin er sich möglicherweise dem Beruf des Kaufmanns widmete67.

Seine Darstellungen der Urteile und Hinrichtungen von Hus und Hieronymus sind eher oberflächlicher Natur was mit der Natur einer Chronik zusammenhängt; Ulrich ging es eher um die Darstellung des gesamten Konzils während Poggius in seine Sendbriefen jene beiden als Ketzer angeklagten Persönlichkeiten herausgriff und umfassend darzustellen versuchte.

Ulrich von Richental schätze Hieronymus von Prag offensichtlich nicht besonders, was seiner Darstellung der ersten Ankunft des Hieronymus in Konstanz leicht zu entnehmen ist68. Entsprechend kurz ist auch seine Abhandlung über den Kampf vor Gericht, mit dem Hieronymus von Prag versuchte das Konzil von dem Wahrheitsgehalt seiner Lehren zu überzeugen. Hieronymus habe nach der Kunst eines Meisters aus England gepredigt69, also die Lehren Wycliffs verbreitet, weshalb man ihn der weltlichen Gerichtsbarkeit übergab.

Erstaunlich ist dabei die Passage der Verbrennung des Hieronymus: „Und lebt in dem für vast lenger dann der Huss und schrayt vast grülich, dann er was ain va[i]ßter, starker man mit ainem schwartzen diken und großen bart. Und do er verbrennet ward, do ward och die äsch und alles, so da waz, in den Rin gefürt.“70 Hieronymus soll also ein sehr feister Mann gewesen sein, ein Umstand der angesichts der Kritik sowohl von Wycliff und Hus, also auch von Hieronymus am Umgang der Kirchenprälaten mit den Reichtümern der Kirche sicherlich augenfällig ist. Zudem schreibt ihm Ulrich keineswegs ein fast schon edelmütiges, ja heldenhaftes Ende zu, im Gegenteil: Eher unrühmlich und grausam andauernd geht es mit Hieronymus zu Ende, nicht ein Wort von ihm wird hier überliefert sondern nur die Todesqualen.

In einem Punkte jedoch bleibt Ulrich mit seinem Urteil dem des Poggius bemerkenswert ähnlich: „Und waintend vil gelerter lüt, das er verderben muost, wann er vast gelerter was denn der Huss. Er was worden maister in artibus zuo Prag, in der statt ze Lundus in Engeland, zuo Köln und zuo Erdfurt.“71

3.2  Die Auswirkungen der Hinrichtung des Hieronymus von Prag

Es würde der Zeit und den Umständen des Konstanzer Konzils nicht gerecht, würde man eine sofortige Reaktion der hussitischen Bewegung nach dem Urteil des Konzils unterstellen. Natürlich war die hussitische Bewegung zunächst schockiert und alsbald willens, sich weiter auszubreiten. Beschirmt von der bömischen Königin und einem eher tatenlosen König Wenzel72 breitete sich die Lehre des Magisters Hus den Urteilen zum Trotz (oder vielleicht gerade wegen ihnen?) in Böhmen aus.

Die Hussiten, besonders der Prediger Jakobellus von Mies, benutzen jedoch die Hinrichtung des Hieronymus von Prag um die Massen gegen den etablierten katholischen Klerus zu mobilisieren.73 Darauf reagierte das Konzil und ersann eine Reihe von Gegenmaßnahmen, die Böhmen isolieren und letztlich eine katholische Koalition gegen die Hussiten und die hussitischen Adeligen schmieden sollte. Zwar kam es noch zu einer Reihe von thologischen Diskussionen und schriftlichen Auseinandersetzungen um Laienkelch und Kirchenreform, doch spätestens mit dem Prager Fenstersturz von 1419 brachen die Hussitenkriege aus, die mit einigen unruhigen Pausen74 bis 1434 dauern sollten und die luxemburgische Herrschaft über das Reich bedrohten.

Die Verurteilung von Hus und jene des Hieronymus verschärften die Lage für die Luxemburger massiv. Zwar bemühte sich Wenzel IV immer wieder um Ausgleich75, doch König Sigismund mußte bereits 1418 klar gewesen sein, daß eine friedliche Beilegung der Auseinandersetzungen nicht mehr möglich gewesen war76. Dennoch unterschätzte wohl auch er die massive Macht der böhmischen Bevölkerung, die sich „als Gottestreiter empfanden“77 und Techniken der modernsten Kriegsführung verwendeten.

Der letztliche Kompromiss der Basler bzw. Prager Kompaktaten78, der den böhmischen Adel stärkte, stärkte auch das tschechische Nationalbewußtsein; was mit der Hinrichtung von hus und Hieronymus begann wurde eine zunehmende politische, religiöse und gesellschaftliche Spaltung im Reich, was im Sinne des Reichsfriedens sicherlich kein Vorhaben König Sigismunds gewesen sein dürfte.

War die Hinrichtung des Hieronymus von Prag ein Justizmord?

Den Begriff „Justizmord“, den die böhmischen Adeligen verwendeten um die Vorgänge rund um Hus und Hieronymus anzuprangern79, ist ein sehr gewagter Ausdruck. Ein Justizmord ist die Verhängung der Todesstrafe durch entweder einen Justizirrtum oder aber durch eine Rechtsbeugung.

Fand durch das Konstanzer Konzil eine Rechtsbeugung statt? Mitnichten. Das Konzil von Konstanz verurteilte die Lehren von Wycliff und Hus als häretisch was automatisch auf jene ausgedehnt werden mußte, die sich zu Hus oder Wycliff bekannten80. Brandmüller hat jedoch vollkommen Recht damit, daß die Verurteilungen von Hus und Hieronymus hauptsächlich der politischen Lage geschuldet waren81 – und zwar sowohl der kirchenpolitischen als auch der weltlichen.

Zu den wichtigsten Aufgaben des Konzils gehörte die causa unionis, also die Wiederherstellung der Einigkeit der Kirche und die Abschaffung des Schismas. Eine sich abspaltende Bewegung wie sie sich in der Zeit des Konzils zuerst nur abzeichnete, ohne bereits soweit zu sein, stellte jedoch eine Gefahr für dieses Ziel dar – mithin das einzige Ziel von dem man behaupten kann, daß es das Konstanzer Konzil mit der Wahl Martins V. auch tatsächlich erreicht hatte. Die causa fidei, zu der auch die Frage des Umgang mit dem Hussitentum gehörte, sollte das Basler Konzil noch weiter beschäftigen.

Aus weltlicher Sicht war die Entwicklung der zunächst religiösen Laienkelch – Bewegung hin zu einer tschechischen Nationalbewegung sogar eine noch direktere Bedrohung für das Luxemburgische Königtum, fand diese Bewegung doch ausgerechnet in den Stammlanden des König statt. Sigismund hatte gar keine andere Wahl als Unabhängigkeitsbestrebungen, wie sie Teile der Hussitischen Bewegung im Laufe des Krieges formulierten, so rasch wie möglich zu unterbinden.

Beide, König und Konzil unterschätzten jedoch die Wirkung der Hinrichtungen der beiden Väter der Bewegung. Aus der Sicht beider jedoch mußte die Zerschlagung des Hussitentums letztendlich mit der Zerschlagung der Ideen beginnen und die Hinrichtung des als Redner geachteten „Propagandisten“82 Hieronymus von Prag war dazu sicherlich ein probates Mittel.

Wenn jedoch ein Gerichtsurteil zu politischen Zwecken mißbraucht wird – und das scheint zumindest das weitere Vorgehen nahezulegen – so könnte man in der Tat von einem Justizmord sprechen, zumindest aber ist Hieronymus von Prag als Opfer der politischen Umstände seiner Zeit einzuordnen.

Literatur:

  • Betzold, Friedrich: König Sigismund und die Reichskriege gegen die Hussiten. Zweite Abteilung, in: Betzold, Friedrich: König Sigismund und die Reichskriege gegen die Hussiten. München, 1875.
  • Brandmüller, Walter: Das Konzil von Konstanz 1414-1418. Band II bis zum Konzilsende. Paderborn u.a. 1997.
  • Buck, Thomas Martin: Die Chronik des Konstanzer Konzils 1414-1418 von Ulrich Richental. Ostfildern 2010.
  • Bujnoch, Josef: Die Hussiten. Graz/Wien/Köln, 1988.
  • Erfen, Irene/Spieß, Karl-Heinz: Fremdheit und Reisen im Mittelalter. Stuttgart 1997.
  • Fehn, Klaus: Räume der Geschichte – Geschichte des Raumes. In: Siedlungsforschung 4 (1986), S. 255-263.
  • Franzen, August: Das Konzil der Einheit, in: Franzen/Müller (Hgg): Das Konzil von Konstanz. Beiträge zu seiner Geschichte und Theologie. Freiburg/Basel/Wien 1964.
  • Hoensch, Jörg: Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung. Stuttgart, 2000.
  • Miethke, Jürgen: Die Prozesse in Konstanz gegen Jan Hus und Hieronymus von Prag – ein Konflikt unter Krichenreformern? In: Šmahel, František (Hg): Häresie und vorzeitige Reformation im Spätmittelalter. München 1998, S. 147-167.
  • Moraw, Peter: Reisen im europäischen Spätmittelalter im Licht der neueren historischen Forschung. In: von Ertzdorff, Xenia / Neukirch, Dieter (Hgg): Reisen und Reiseliteratur im Mittelalter und der frühen Neuzeit, Amsterdam/Atlanta 1992.
  • Ohler, Norbert: Mittelalterliche Reisende vernetzen das Abendland in: Anshof, Claus (Hg): Reisen und Wallfahrten im Hohen Mittelalter. Göppingen 1999. S. 10-37.
  • Prietzel, Malte: Das heilige römische Reich im Spätmittelalter, Darmstadt, 2004.
  • Reichert, Folker: Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter, Stuttgart 2001.
  • Schulz, Kurt: Deutsche Handwerker in Italien in: de Rachewiltz, Siegfried / Riedmann, Josef (Hgg): Kommunikation und Mobilität im Mittelalter. Begegnungen zwischen dem Süden und der Mitte Europas (11.-14. Jahrhundert). Sigmaringen 1995. S. 115-134.
  • Sieben, Josef: Traktate und Theorien zum Konzil. Vom Beginn des großen Schismas bis zum Vorabend der Reformation (1378-1521). Frankfurt am Main, 1983.
  • Šmahel, František: Jeroným Pražský, Prag 1966.
    auch:
    Šmahel, František: Leben und Werk des Magisters Hieronymus von Prag. Forschung ohne Probleme und Perspektiven? In: Historica (XIII), Prag 1966.
  • Šmahel, František: The Kuttenberg Decree and the Withdrawl of the German Students from Prague in 1409. a Discussion. In: History of Universities 4 (1984), S. 111-128.
    auch:
    Šmahel, František: The Kuttenberg Decree and the Withdrawl of the German Students from Prague in 1409. a Discussion. In: Šmahel, František: Die Prager Universität im Mittelalter. Gesammelte Aufsätze, Leiden/Boston 2007.
  • Šmahel, František: Die Prager Universität und der Hussitismus, in: Ders.: Die Prager Universität im Mittelalter. Leiden/Boston 2007. S. 172-195.

Quellen:

  • Bartoš, František Michálek / Spunar, Pavel (Hgg.):Soupispramenů k literární činnosti mistra Jana Husa a mistra Jeronýma Pražského [Inventar der Quellen zur literarischen Tätigkeit des Magisters Johannes Hus und des Magisters Hieronymus von Prag]. Catalogus fontium M. Iohannis Hus et M. Hieronymi Pragensis opera exhibentium, Prag 1965.
  • Das Kuttenberger Dekret: http://www.ceskaliteratura.cz/dok/dekret.htm (Zuletzt abgerufen am 3.10.2011)
  • Sententis qua condemnatus Hieronymus Pragensis, in: Jedin, Huberto: Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Rom u.a. 1962, S. 409f.
  • Poggio Bracciolini , Gian Francesco: Todesgeschichte des Johannes Huss und des Hieronymus von Prag. Beide um ihres Glaubens willen verbrannt zu Konstanz am 6. Juli 1415 und am 30. März 1416. Konstanz, 1957

Internet:

1Zitiert nach Buck, Thomas Martin: Die Chronik des Konstanzer Konzils 1414-1418 von Ulrich Richental. Ostfildern 2010, S. 68.

2Buck, Chronik, S. 68.

3Siehe dazu den Aufsatz von Miethke, Jürgen: Die Prozesse in Konstanz gegen Jan Hus und Hieronymus von Prag – ein Konflikt unter Krichenreformern? In: Šmahel, František (Hg): Häresie und vorzeitige Reformation im Spätmittelalter. München 1998, S. 147-167.

4Siehe dazu den Kommentar von Franzen, August: Das Konzil der Einheit, in: Franzen/Müller (Hgg): Das Konzil von Konstanz. Beiträge zu seiner Geschichte und Theologie. Freiburg/Basel/Wien 1964, S. 106.

5Was die gegen die Hinrichtung des Hieronymus von Prag protestierenden Adeligen in einem Protestschreiben behaupteten, siehe dazu Brandmüller, Walter: Das Konzil von Konstanz 1414-1418. Band II bis zum Konzilsende. Paderborn u.a. 1997, S. 116.

6So schreibt František Šmahel: Die Geburt Hieronymus‘ sei 1365 (Jeroným Pražský, Prag 1966), Walter Brandmüller (Das Konzil von Konstanz 1414-1418. Band II) setzt Hieronymus‘ Geburtsdatum „nach 1370“, Olaf Barth und Katrin Bock gehen in Ihrem Geschichtsbeitrag für Radio Tschechien (http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/hieronymus-von-prag, zuletzt abgerufen am 15.08.2011) sogar noch einen Schritt weiter und setzten die Geburt „um 1380“ an. Ein genaues Datum scheint nicht überliefert zu sein.

7Wobei genau hier nun die Problematik mit dem Geburtsjahr des Hieronymus zum Tragen kommt. Wenn 1365 stimmen sollte wäre Hieronymus sogar 4 Jahre älter als der 1369 geborene Johannes Hus gewesen.

8Brandmüller, Walter: Das Konzil von Konstanz 1414-1418. Band II bis zum Konzilsende. Paderborn u.a. 1997. S. 118.

9Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 118, auch Šmahel, S. 92.

10Die Vorstellung einer mehr oder weniger immobilen mittelalterlichen Gesellschaft ist schon lange widerlegt. Siehe hierzu: Schulz, Kurt: Deutsche Handwerker in Italien in: de Rachewiltz, Siegfried / Riedmann, Josef (Hgg): Kommunikation und Mobilität im Mittelalter. Begegnungen zwischen dem Süden und der Mitte Europas (11.-14. Jahrhundert). Sigmaringen 1995. S. 115-134, Fehn, Klaus: Räume der Geschichte – Geschichte des Raumes. In: Siedlungsforschung 4 (1986), S. 255-263, oder auch Moraw, Peter: Reisen im europäischen Spätmittelalter im Licht der neueren historischen Forschung. In: von Ertzdorff, Xenia / Neukirch, Dieter (Hgg): Reisen und Reiseliteratur im Mittelalter und der frühen Neuzeit, Amsterdam/Atlanta 1992. Hervorzuheben sind allerdings Ohler, Norbert: Mittelalterliche Reisende vernetzen das Abendland in: Anshof, Claus (Hg): Reisen und Wallfahrten im Hohen Mittelalter. Göppingen 1999. S. 10-37 und Reichert, Folker: Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter, Stuttgart 2001.

11Siehe dazu Erfen, Irene/Spieß, Karl-Heinz: Fremdheit und Reisen im Mittelalter. Stuttgart 1997.

12Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 116.

13Sieben, Josef: Traktate und Theorien zum Konzil. Vom Beginn des großen Schismas bis zum Vorabend der Reformation (1378-1521). Frankfurt am Main, 1983. S. 159.

14Eine ziemlich vollständige Sammlung der Schriften des Hieronymus findet man bei Bartoš, František Michálek / Spunar, Pavel (Hgg.):Soupispramenů k literární činnosti mistra Jana Husa a mistra Jeronýma Pražského [Inventar der Quellen zur literarischen Tätigkeit des Magisters Johannes Hus und des Magisters Hieronymus von Prag]. Catalogus fontium M. Iohannis Hus et M. Hieronymi Pragensis opera exhibentium, Prag 1965.

15Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 119.

16Der genaue Wortlaut ist hier zu finden: http://www.ceskaliteratura.cz/dok/dekret.htm (Zuletzt abgerufen am 3.10.2011).

17Šmahel, František: The Kuttenberg Decree and the Withdrawl of the German Students from Prague in 1409. a Discussion. In: History of Universities 4 (1984), S. 111-128.

18Šmahel, František: The Kuttenberg Decree and the Withdrawl of the German Students from Prague in 1409. a Discussion. In: Šmahel, František: Die Prager Universität im Mittelalter. Gesammelte Aufsätze, Leiden/Boston 2007, S. 161.

19Šmahel, The Kuttenberg Decree, S. 161f.

20Šmahel, The Kuttenberg Decree, S. 165.

21Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 119

22Die auch Ulrich von Richental erwähnt, was insofern bemerkenswert ist, weil somit deutlich wird, daß auch die Zeitgenossen diesen Vorgang als aktiven Rechtsbruch verstanden hatten.

23Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 119.

24Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 119f.

25Was Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 119 behauptet, indes hege ich an dieser nicht belegten Darstellung meine Zweifel, wie ich unter Punkt 2 erläutere.

26Alle Vorgänge zitiert nach Brandmüller, S. 119ff.

27Den genauen Widerruf findet man bei Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 122f aufgeschlüsselt.

28Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 125.

29Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S, 126.

30Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S, 128f.

31Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S, 129-135.

32Nachzulesen im Dekret Sententis qua condemnatus Hieronymus Pragensis, in: Jedin, Huberto: Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Rom u.a. 1962, S. 409f.

33Šmahel, František: Leben und Werk des Magisters Hieronymus von Prag. Forschung ohne Probleme und Perspektiven? In: Historica (XIII), Prag 1966, S. 82.

34Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 94.

35Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 96.

36Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 100

37Zu den Auseinandersetzungen siehe auch: Šmahel, František: Die Prager Universität und der Hussitismus, in: Ders.: Die Prager Universität im Mittelalter. Leiden/Boston 2007. S. 172-195, besonders S. 177ff.

38Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 105.

39Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 105f.

40Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 106.

41Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 116.

42Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 108.

43Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 119.

44Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 110.

45Šmahel, Leben und Werk des Magisters, S. 110.

46Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 119.

47http://g.co/maps/89ky2 (Zuletzt aufgerufen am 3.9.2011). Der Einfachheit halber kann diese Google-Karte recht anschaulich den Streckenverlauf zeigen und insbesondere die Tatsache, daß Hieronymus eine andere Richtung als nach Prag eingeschlagen haben muß, wenn Brandmüller recht hätte.

48Zitiert nach Buck, Thomas Martin: Die Chronik des Konstanzer Konzils 1414-1418 von Ulrich Richental. Ostfildern 2010, S. 62.

49Buck, Chronik, S. 62.

50Buck, Chronik, S. 63.

51Siehe dazu die Chronik des Laurentius von Březová in: Bujnoch, Josef: Die Hussiten. Graz/Wien/Köln, 1988, S. 42.

52die hier verwendete Übersetzung folgt Niclasens von Weyls Translationen oder Deütschungen, Augsburg 1536.

53Poggio Bracciolini , Gian Francesco: Todesgeschichte des Johannes Huss und des Hieronymus von Prag. Beide um ihres Glaubens willen verbrannt zu Konstanz am 6. Juli 1415 und am 30. März 1416. Konstanz, 1957, S. 129.

54Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 130.

55Zu Poggio Braccolini siehe auch das Lexikon des Mittelalters, Band VII, Sp. 38 und das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon, Band 7, Sp. 478ff.

56Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 140f.

57Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 141.

58Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 130, S. 141 & und S. 143.

59Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 130 und S. 141ff.

60Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 133 und S. 135.

61Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 135.

62Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 142.

63Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 143.

64Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 141.

65Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 139.

66Poggio Bracciolini, Todesgeschichte, S. 142.

67Zu Ulrich von Richental siehe das Verfasserlexikon. Deutsche Literatur des Mittelalters. Band 8, Sp. 55ff.

68Buck, Chronik, S. 62, sowie die Darstellung und Bewertung unter 2. in dieser Arbeit.

69Buck, Chronik, S. 67.

70Buck, Chronik, S. 68.

71Buck, Chronik, S. 68.

72Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 139.

73Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 139f.

74Von Betzold, Friedrich: König Sigismund und die Reichskriege gegen die Hussiten. Zweite Abteilung, in: Betzold, Friedrich: König Sigismund und die Reichskriege gegen die Hussiten. München, 1875, S. 1.

75Hoensch, Jörg: Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung. Stuttgart, 2000, S. 266.

76Hoensch, Luxemburger, S. 266.

77Hoensch, Luxemburger, S. 267.

78Siehe hierzu die kurze Zusammenfassung von Prietzel, Malte: Das heilige römische Reich im Spätmittelalter, Darmstadt, 2004, S. 111.

79Siehe dazu Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 116.

80Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 137.

81Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 137ff.

82So nennt ihn Brandmüller, Das Konzil von Konstanz, S. 137.

Städte, die als Lebensumfeld für Familien ausfallen (1). Heute: Münster

Der Blog Astrodicticum simplex, den ich sehr schätze, brachte kürzlich eine Geschichte aus dem vergangenem September und verlinkte auch die eher positive und die eher negative Presse dazu. Folgendes ist da bei Münster passiert: Kinder haben unter Anleitung ihrer Lehrer, einiger Chöre und Musiker sowie einem Aktionskünstler versucht, das Wasser sauber zu singen.

Ernsthaft, die Schwingungen des Schalls sollten die Wasserqualität verbessern, sogar ein Mensch vom Wasserwirtschaftsamt war da um eine Probe zu entnehmen. Komischerweise schreibt keiner davon, was da rauskam, aber alleine die Tatsache, daß man für diesen Esoterik-Quatsch Kinder mißbraucht lässt einen schaudern.

Was haben sich bei dieser Sache die Verantwortlichen gedacht? Ich habe daher mal das Schulamt angeschrieben, in der Hoffnung, daß man mir erklären kann, was da los war. Vielleicht ist das alles ja auch gar nicht so schlimm, das wird von deren Antwort abhängen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie ich dem Internet-Blog „Astrodicticum Simplex“ entnommen habe, haben die Schüler der Sekundarschule Roxel, der Hauptschule Coerde und der Gesamtschule Münster-Innenstadt im vergangenen September versucht, unter Anleitung des Künstlers Thomas Nufer die Qualität des Wassers besser zu singen.

Hierzu hätte ich einige Fragen:
1. Inwiefern hat sich die Wasserqualität geändert?
2. Inwieweit wurden die Schülerinnen und Schüler über den Zweck und die zu erwartende Wirksamkeit der Veranstaltung unterrichtet?
3. Fand die Veranstaltung in der Schulzeit statt?
4. Ist die Veranstaltung vor- und nachbereitet worden, unter anderem auch von der Lehrkraft Oeynhausen-Brand, die sich in der Presse mit den Worten äußerte, es handle sich um eine „hochinteressante“ Aktion?
5. Wird den Kindern der betreffenden Schule auch etwas über Experimente, wie sie funktionieren und wie ein Wissenschaftler damit umgeht beigebracht?
6. Hat man die Kinder mit der grundsätzlichen Physik des Flusses (Wasser fließt weiter, sauber gesungenes bleibt also nicht vor Ort) vertraut gemacht?

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir diese Fragen kurz beantworten könnten und verbleibe
mit freundlichen Grüßen,
Lastknightnik

Gesendet am 15.1.2013. Ich bin mal gespannt auf die Antwort – die bislang ausblieb.

Was genau haben die da eigentlich versucht? Das sehr seltsam anmutende Webportal „Schwingung und Gesundheit“ will mir jedenfalls ein Buch verkaufen und erklärt mir folgendes: „Durch zwei Studien konnte bei Chorsängern nachgewiesen werden, dass durch Singen der Anteil an Immunglobulin A bereits nach kurzer Zeit deutlich steigt (um bis zu 240%). Immunglobulin A ist ein Antikörper, der an den Schleimhäuten des Körpers sitzt und Krankheitserreger und Allergene an der „vordersten Front“ – also bereits beim Eindringen in den Körper bekämpft und unschädlich macht.“ Aha. Äh…. Also Immunglobulin A ist zwar tatsächlich ein wichtiger Antikörper, aber warum sollte der durch Singen gebildet werden? Das Zeug wird von weißen Blutkörperchen gebildet und ich bin mir ziemlich sicher, daß die nicht mitsingen.

Ich bin gerne bereit zuzugestehen, daß Gesang eine positive Wirkung auf Menschen hat. Es kann emotional verbinden (weswegen das in politischen und religiösen Gruppierungen ein so wichtiger Bestandteil ist – deswegen gibt es beispielsweise Nationalhymnen) und die Emotionen beeinflussen, Musik kann beruhigen oder aggressiv machen, alles ok. Aber gleich Antikörper nachwachsen lassen? Hm, die Studien werden auf der Seite ja auch vorsichtshalber nicht verlinkt, also mußte ich mich selber auf die Suche machen und fand diesen Artikel in der Welt. Naja. Scheint mir mehr auch damit zu tun zu haben, daß professionelle Sänger halt quasi einen Sport betreiben und gesünder leben.

Der Verein für Homöopathie bietet mir einen Vortrag an und erklärt in der Einladung folgendes: „Anhand eines Filmausschnitts demonstrierte Herr Bossinger die Wirkung von Musik auf Wasser. Die Töne bringen das Wasser in Schwingung. Und da auch der Mensch zu einem Großteil aus Flüssigkeit besteht, erzeugt Musik zweifellos auch in uns entsprechende Schwingungen.“ Aha, da kommen wir der Sache schon näher.

Also, daß Schall auf Wasser wirkt ist nun nicht gerade eine besondere Erkenntnis. Schall wirkt auf alle Materie und nebenbei auch nur in Materie – im Vakuum gibt es keinen Schall (weswegen röhrende Raumschiffe im Vorbeiflug in der Science-Fiction auch so lustig sind). Aber Schall hat je nach Dichte der Materie (und ihrem Zustand) eine unterschiedliche Geschwindigkeit. Je dichter das Material, desto schneller der Schall.

Schall ist eine Welle. Man kann sich das vielleicht ganz gut vorstellen (Das hier ist keine physikalisch korrekte Erklärung, sondern eine Modellvorstellung, klar?), wenn man sich ein Kugelstoßpendel vorstellt. Hier geht es zwar um abgegebene Impulse, aber das Prinzip ist ähnlich: Die Welle erzeugt eine Bewegung der Atome, diese wird an das nächste weitergegeben, wieder an das nächste und so weiter. Daher ist die Schallgeschwindigkeit in dünner Luft auch kleiner als in Zement: Da die Welle quasi länger braucht um das nächste Atom zu finden, das Schwingen kann, dauert es länger sich auszubreiten. Bei flüssigem Zement ist die Dichte schon sehr hoch (und in Granit oder Diamant noch höher; Mal zum Vergleich: Bei Luft mit etwa 20°C Temperatur beträgt sie 343 m/s oder 1235 km/h. In Diamant 18.000 m/s oder 64.800 km/h).

Nun wird Schall, auch der vom Singen, auf das Wasser treffen und sich dort schneller ausbreiten (und die Fische verscheuchen, weswegen Angler nicht singen). Das macht das Wasser aber nicht sauber. Könnte man durch Schall Bakterien abtöten, tät man es längst. (Zugegeben, manche versuchen das tatsächlich) Das geht aber nicht. Wasser hat keine Emotionen, die man beeinflussen könnte und auch kein Bewußtsein. Wasser ist Wasser, eine Lebensumgebung für eine Menge Lebewesen und das war es dann aber auch schon. Es ist nicht belebt und wird auch nicht besser, wenn man es bei Vollmond abfüllt.

In diesem Bereich ist leider eine Menge Quatsch unterwegs. Kennen Sie Masaru Emoto? Das ist ein japanischer Parawissenschaftler, der glaubt, daß Wasser Emotionen speichere und zwar in Wasserclustern. Das Dumme ist nur, daß sich diese Wassercluster in wenigen Picosekunden (eine Picosekunde sind 0,000 000 000 001 Sekunden!) wieder auflösen und anders zusammensetzen, weil die Wasserstoffbrückenbindungen sich neu anordnen. Emoto geht davon aus, daß man im Eis (wo die Verbindungen stabiler sind) die Emotionen sehen könnte und versucht das experimentell zu beweisen, was ihm bislang aber nicht gelungen ist. Ein bißchen erinnert mich das an die Akte-X Folge „Unruhe“ (4. Staffel, Folge 2), wo sich die psychischen Probleme des Serienkillers auf Photopapier niederschlugen. Sicherlich eine spannende und unterhaltsame Horror-Geschichte aber was hat das mit Wissenschaft zu tun?

Wenig. Sucht man in dem Bereich herum findet man schnell alte Freunde von der Channeling-Nummer wieder, diesmal erhält der Walgesang das Netz der Erde. Ach herrjeh.

Was ist jetzt mit der Antwort vom Schulamt Münster? Bislang bleibt sie aus. Sollte sich da was dran ändern, werde ich aber gerne entsprechendes auch veröffentlichen.

Vom Dativ

Ein jeder weiß heute, daß „der Dativ dem Genitiv sein Tod“ ist; Dative sind also sprachliche Vereinfachungen die weniger Mühe bei der Aussprache machen, als es die Formulierung des Genitivs erfordert. Aber was sind Dative eigentlich und was für Arten von Dativen gibt es? Im Rahmen meiner Büffelei für das Staatsexamen bin ich der Geschichte nachgegangen und habe es hier mal zusammengetragen.

E gibt zwei Lager in der Beschreibungsgeschichte des Dativs: Das eine sieht den Dativ in einer klaren Funktion, in einer einheitlichen Form, das andere unterscheidet verschiedene Dativsorten bzw. Dativkonzeptionen zum Einen auf der syntaktischen, zum Anderen auf der semantischen Ebene.

Semantisch? Ja, in der inhaltsbezogenen Grammatik wird der Dativ quasi als Darlegung des Wesens behandelt, die Grundbedeutung der Kasusform wird untersucht. Glinz beispielsweise unterschied 1952 noch nicht zwischen sogenannten freien Dativen und Dativobjekten. Selbst Brinkmann unterschied den Dativ nur dahingehend, daß er Dative der teilnehmenden Personen und der sinngebenden Personen erkannte, eine recht vage Unterscheidung. Ein Dativ der teilnehmenden Person ist ein freier Dativ, der nicht zum Verständnis des Satzes gebraucht wird, also zum Beispiel: „Er trägt ihr den Koffer.“ Der Dativ „ihr“ ist nicht unbedingt nötig, sondern schmückt den Satz aus bzw. verpasst ihm einen größeren Sinngehalt. Ein Dativ der sinngebenden Person ist, laut Brinkmann, ein Dativ, der eine Person beschreibt, welcher sich das Geschehen zuwendet. Also wenn ich „jemandem zulache“, dann ist das Geschehen von mir zur anderen Person gegangen.

 

Man könnte Dative strukturalistisch untersuchen, also den Kasus als Teil eines Systems aller Kasus. Dabei gibt es allerdings das Problem, daß man freie Dative nicht einsortieren kann, weil sie systematisch nicht beschreibbar sind. Zwar versuchte Fillmore mit der Tiefenkasustheorie dem zu begegnen, scheiterte aber letztendlich.

Freie Dative
Jetzt habe ich diesen Begriff schon mehrfach benutzt, vielleicht sollte ich ihn nochmal etwas eingehender erklären. Freie Dative sind sowohl semantisch, als auch syntaktisch verbunabhängig, das heißt, sie werden nicht vom Verb regiert. Man kann sie meistens einfach weglassen und trotzdem bleibt der Satz grammatikalisch korrekt, es geht nur eine Information verloren. Es gibt mehrere Typen, die man unterscheiden kann:

  • Der Dativus Ethicus: Drückt eine gefühlsmäßige Anteilnahme aus. „Fall mir bloß nicht auf!“ Heute wird er seltener gebraucht, vielleicht noch bei Ermahnungen, aber im großen und ganzen gilt er als veraltet. Dieser Dativ ist nicht erststellenfähig, man kann ihn also nicht nach vorne stellen.
  • Der Dativus Commodi: Er bezeichnet den Begünstigten einer Handlung. „Peter fährt ihr das Auto in die Garage.“ Dieser Dativ ist erststellenfähig: „Ihr fährt Peter das Auto in die Garage“. Auch dieser Dativ ist prinzipiell weglassbar.
  • Der Dativus Incommodi: Er ist das genaue Gegenteil, bezeichnet also den Geschädigten einer Handlung. Ob man die beiden ernsthaft unterscheiden muß ist eine semantische Frage, keine syntaktische. „Es sind ihm alle Teller heruntergefallen.“, wäre so ein Satz.
  • Der Dativ Iudicantis: Dieser Dativ bezeichnet den Sprecher einer Aussage und verschafft ihr so Gültigkeit. „Das Essen war ihm zu heiß“
  • Der Pertinenzdativ: Er ist ein possessiver Dativ, der in aller Regel bedingt ist. Daher ist er nicht weglassbar weil sonst die Schlüsselinformation des Satzes fehlt. Allerdings ist er erststellenfähig, also betont. „Mir brummt der Schädel“

Das Gegenstück zum freien Dativ ist das Dativobjekt, also der konstitutive Dativ. Er ist erststellenfähig, nominal und pronominal, manchmal weglassbar und kann nicht durch ein Gefüge mit „für“ ersetzt werden. Gemein ist es, freie Dative und Dativobjekte zu unterscheiden, das ist manchmal gar nicht so einfach.

Beispiel: „Ich schreibe ihm einen Brief.“

Das kann jetzt ein Dativobjekt sein: Ich schreibe ihm einen Brief, also an ihn. Dann ist es relevant, weil es den exakten Bezug herstellt.

Das kann aber auch ein Dativus Commodi sein: Ich schreibe ihm einen Brief, also für ihn. Jetzt ist es nicht mehr relevant, ein freier Dativ.

Ich brauche also zur Unterscheidung manchmal den semantischen Zusammenhang, um die syntaktische Funktion festzustellen.

Vom Vokalismus

Sprache und Sprachwissenschaft ist ja eines der Fächer, die so ein bißchen nebenbei laufen und bei denen kaum einer, der nicht daran beteiligt ist, genau sagen kann, welchen Zweck das Ganze eigentlich hat. Ich werde heute und in den folgenden beiden Tagen aus aktuellem Anlaß einiges aus der Sprachwissenschaft darstellen, was dem geneigten Leser vielleicht dabei helfen kann, seine eigenen Studien zu erweitern.

Was, zum Geier, ist „Vokalismus“?

Vokalismus ist, ganz einfach ausgedrückt, der Gesamtbestand der Vokale in einer Sprache. Im Deutschen sind das grundsätzlich nur fünf Stück: a,e,i,o und u. Dazu kommen allerdings Umlaute und Diphthonge, also aus zwei Vokalen bestehende Vokallaute. Wenn man nun im Rahmen der Sprachgeschichte Vokalismus untersucht, dann untersucht man also speziell zwei Bereiche: Den Wandel der Vokale und ihre Häufigkeit im Ausdruck. Das Gegenstück ist übrigens „Konsonantismus“, die Lehre von den Konsonanten.

Was hat sich denn mit den Vokalen so verändert?

Vokale sind eine tolle Sache: Erst sie geben dem Wort wirklich eine Bedeutung und lassen es uns sprechen, denn Konsonanten sind im großen und Ganzen klanglos. Vokale werden aber im Neuhochdeutschen recht einheitlich, in den Dialekten aber recht unterschiedlich benutzt. Das Bayerische beispielsweise verwendet mitunter mehr Vokale für das gleiche Wort: statt „Bruder“ sagt man „Bruada“.

Das ist tatsächlich ein sprachlicher Rest aus den mittelalterlichen Sprachen. Hier muß man sich zunächst eine Sache klar machen: Mittelhochdeutsch ist keine Einheitssprache, die uns irgendwie schriftlich überliefert ist, sondern mehr ein Ausdruck für eine Gruppe von Überlieferungen, denen eine ähnliche Grammatik und Ausdrucksweise zugrunde liegt, die aber dennoch große Unterschiede zueinander aufweisen. Mit Hilfe von Texten und ihrem sprachlichen Ausdruck ist es manchmal möglich, bestimmte Autoren festzumachen, von denen wir andere Texte schon kennen.

Vom Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche haben sich allerdings einige bestimmte Lautwandlungen vollzogen, von denen ich hier einige überblicksweise behandeln möchte:

  • die neuhochdeutsche Monophthongierung
  • die neuhochdeutsche Diphthongierung
  • die Entrundung der Umlaute und die kombinatorische Rundung
  • Senkung
  • Hebung
  • Dehnung
  • Kürzung
  • Diphthongwandel
  • die Weiterentwicklung des Umlautes
  • Ausgleichserscheinungen
  • die Entwicklung der mittelhochdeutschen e-Laute
  • und schließlich noch den Vokalismus in den Nebensilben.

Puh, ein ganz schönes Arbeitsprogramm. Das wird ein langer Artikel, packen wir’s also an.

Beginnen wir erst einmal mit den grundsätzlichen Fragen der Sprachentwicklung: Es gab vor dem 16. Jahrhundert keine einheitliche Schriftsprache, jeder schrieb, wenn er denn schrieb, so, wie er sprach. Daher geben uns die Texte einen zum Teil recht schönen Aufschluß darüber, wie man wohl früher gesprochen hatte. Maßgeblich zur Vereinheitlichung der Schriftsprache beigetragen hat die lutherische Übersetzung der Bibel, die Verbreitung erfolgte durch den Buchdruck. Nun sprach Luther aber gar nicht Hochdeutsch, sondern Mitteldeutsch, um genau zu sein, Obermitteldeutsch, eine Sprache, die sich im 11. Jahrhundert durch die deutsche Ostsiedelung und die daraus folgende Sprachmischung mit den ansässigen Völkern entstanden ist; Ein Teil dieser neuen Sprache hat auch Eingang in die Schriftsprache gefunden.

Mitteldeutsch? Ja, man unterscheidet Hochdeutsch, Niederdeutsch und Mitteldeutsch und so albern es auch klingt es hat etwas mit der Höhenlage der Wohnung der Sprechenden zu tun. Hochdeutsche Sprachen finden sich im Süden, Niederdeutsche im Norden des deutschen Sprachgebietes. Plattdeutsch ist beispielsweise ein Niederdeutscher Dialekt, sächsisch ist eher Mitteldeutsch und bayerisch ein hochdeutscher bzw. präziser ein oberdeutscher Dialekt. Das Oberdeutsche umfasst das Bayerische (allerdings das Altbayerische) und das Alemannische.

Fangen wir nun also mit den Besonderheiten an. Denn es gibt einige Dinge, die man im Wandel vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen festhalten kann und die uns auch systematisch vorkommen. Man muß sich nur im Klaren darüber sein, daß dieser Wandel nicht eine unmittelbare Weiterentwicklung darstellt, sondern eher punktuell stattfand. Da gibt es verschiedene Theorien, das eine ist die sogenannte Wellentheorie, die besagt, daß die Sprachentwicklung als Monogenese in kleinräumlichen Bereichen begann und sich dann wellenartig ausbreitete, und zum Anderen gibt es da die Entfaltungstheorie, die eine Polygenese behauptet, daß sich also die Sprachentwicklung an mehreren Stellen durchsetzte und viele Kleinräume so letztendlich einen Großraum ergaben.

Beginnen wir nun also mit der neuhochdeutschen Monophthongierung. Alleine das Wort verursacht ja gefühlt schon Kopfzerbrechen. Es bedeutet, daß im geregelten Lautwandel vom Mittel- zum Neuhochdeutschen ein Diphthong wie zum Beispiel „uo“ oder „ie“, das man im Mittelhochdeutschen tatsächlich komplett aussprach, zu einem Monophthong wurde, in den genannten Beispielen oftmals zu „u“ und zu „i“. Das ie ist insofern etwas Besonderes, weil sich die Schreibweise manchmal erhalten hat und das „e“ zu einem Dehnungs-e wird. Sprach man also mittelhochdeutsch „hier ruoft der reke küen“ jeden Buchstaben aus, so sagt man neuhochdeutsch „hier ruft der Recke kühn“. Es gibt eine Vielzahl von Wörtern, auf die dieser Vorgang zutrifft.

Was daran fasziniert ist die Tatsache, daß sich diese Sprachwandlung im Mitteldeutschen Raum, vor allem im Rheinland ausgebreitet hat und beispielsweise im bayerischen nicht angekommen ist. „bruoder“ (mhd.) ist im bayerischen „Bruada“geblieben, nur eine minimale Senkung der Vokale fand da statt.

Das genaue Gegenteil ist die neuhochdeutsche Diphthongierung. Hier wurde aus einem mittelhochdeutschen Monophthong ein Diphthong. Der Monophthong war im Mittelhochdeutschen oftmals ein langer Vokal, was man durch die Schreibweise mit einem Zirkumflex ausdrückte. Den Zirkumflex kennen die meisten wahrscheinlich noch aus dem Französischen, wo er in der Regel den Überrest eines ausgefallenen „s“ darstellt (frz. fenêtre = lat. Fenestra). Im Mittelhochdeutschen zeigt er an, daß ein Vokal lang gesprochen wird. Diese langen Vokale und manche Diphtonge (wie „iu“, das zu „eu“ wurde) werden im Neuhochdeutschen zu Diphtongen: „mîde lûte liute“ wird zu „meide laute Leute“

Kommen wir zu Rundungen und Entrundungen.
Die mittelhochdeutschen Vokale e, i und â werden im Neuhochdeutschen gelegentlich labialisiert, also gerundet. Gerundet heißt, ist wirklich so simpel, mit gerundeten Lippen gesprochen. So wird aus mhd. „helle“ nhd. die „Hölle“, aus „finf“ wird „fünf“, aus „mâne“ wird der „Mond“. Und was ist nun die Entrundung? Nun, der Übergang von gerundeten Monophthongen und Diphthongen zu auf gleicher Zungenhöhe benachbarten, ungerundeten Vordervokalen nennt man Entrundung. Das tritt allerdings nur vereinzelt auf, beispielsweise wird aus dem mittelhochdeutschen „küssen“ im neuhochdeutschen „Kissen“.

Senkung, Hebung, Dehnung, Kürzung
Das Mittelhochdeutsche sprach sich völlig anders aus. Vorhin habe ich ja erwähnt, daß man lange Vokale mit einem Zirkumflex ausstattete – und das bedeutet, daß man alle anderen Vokale mit wenigen Ausnahmen kurz gesprochen hat.

Die neuhochdeutsche Dehnung ist nun der Vorgang, daß ein kurz gesprochenes Wort heute lang gesprochen wird. So sagte man früher „Nibelungenklage“ und sprach dabei den Teil „klage“ wie „klagge“, wird das vielleicht klarer. Manchmal gibt unsere Schreibweise das wieder: Bei „Wiese“ zum Beispiel, was früher unter Umständen „wise“ geschrieben wurde.

Eine Kürzung ist genau das Gegenteil: Hier werden aus langen Lauten kurze. Kürzungen sind wesentlich seltener, da sie nur geschlossene Tonsilben betreffen. Hieß es also früher „hôchzît“ (zwei lange Vokale), sagt man heute „Hochzeit“.

Senkungen und Hebungen sind eine Ausspracheveränderung. Im Mittelhochdeutschen wird das „ei“ beispielsweise fast immer „e-i“ ausgesprochen, also das „e“ bleibt im Laut erhalten. „keiser“ wäre so ein Wort. Das wird im Neuhochdeutschen zu „Kaiser“ gesenkt. Aus „ouge“ wird „Auge“. Vor Nasal-Lauten findet das auch noch einmal statt: Aus „sumer“ und „sune“ werden „Sommer“ und „Sonne“.

Fortsetzung folgt…

Meine Worte sind wie Sterne….

Im Jahr 1855 machte der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin Pierce, dem Stamm der Duwamish das Angebot, ihr Land zu verkaufen und in ein Reservat zu ziehen. Für die Indianer war das eine unverständliche Idee – Land gehörte in ihrer Vorstellung niemandem.

Der Häuptling der Duwamish, Noah Sealth, antwortete dem amerikanischen Präsidenten mit einer Rede, deren Kraft und besondere Weisheit uns heute, 160 Jahre später, vielleicht ein wenig Einsicht geben könnte.

Leider fand ich diese Rede nicht auf Deutsch im Netz, daher habe ich mir erlaubt sie Ihnen hier zur Verfügung zu stellen. Allerdings muß ich vorneweg hinzufügen, daß diese Rede nicht zwingend die historische Wahrheit widerspiegelt, denn die vorliegende Variante stammt mutmaßlich aus den 1970er Jahren von einem Filmemacher namens Ted Perry, der sie für seinen Film „Home“ (zu Deutsch: Die Söhne der Erde) geschrieben hat. Die Rede ist also nicht historisch belegbar, sondern ein Produkt der Umweltbewegung, aber sie basiert auf der originalen Rede von Chief Seattle (nach dem im Übrigen die Hauptstadt des Staates Washington benannt ist), die seinerzeit von Henry A. Smith auf der Basis von Notizen im Seattle Sunday Star veröffentlicht wurde – 1887!

Die Duwamish bekamen keine Entschädigung für das Land und erlitten eine ziemlich brutale Geschichte. Noch 1910 brannten weiße Siedler indianische Häuser nieder, um die Indianer zu vertreiben. Inzwischen haben die letzten Duwamish ein wenig Land (ca. 70 Hektar) in der Nähe des Discovery Parks von der amerikanischen Regierung gepachtet. 2069 wird der Vertrag auslaufen. Viele sind nicht mehr übrig, vielleicht 500. Ihr Schicksal ist, wie das aller übrig gebliebenen Reste einer ganzen Zivilisation, ungewiss.

„Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht, daß er unser Land zu kaufen wünscht.

Der große Häuptling sendet uns auch Worte der Freundschaft und des guten Willens. Das ist freundlich von ihm, denn er bedarf unserer Freundschaft nicht. Aber wir werden sein Angebot bedenken, denn wir wissen – wenn wir nicht verkaufen – kommt vielleicht der weiße Mann mit Gewehren und nimmt sich unser Land. Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen – oder die Wärme der Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen – wie könnt Ihr sie von uns kaufen? Wir werden unsere Entscheidung treffen.

Was der Häuptling Seattle sagt, darauf kann sich der große Häuptling in Washington verlassen, so sicher wie sich unser weißer Bruder auf die Wiederkehr der Jahreszeiten verlassen kann.

Meine Worte sind wie Sterne, sie gehen nicht unter. Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig, in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten Mannes.

Die Toten der Weißen vergessen das Land ihrer Geburt, wenn sie fortgehen, um unter den Sternen zu wandeln. Unsere Toten vergessen diese wunderbare Erde nie, denn sie ist des roten Mannes Mutter. Wir sind ein Teil der Erde und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler – sie sind unsere Brüder. Die felsigen Höhen, die saftigen Wiesen, die Wärme des Ponys und des Menschen – sie alle gehören zur gleichen Familie.

Wenn also der große Häuptling in Washington uns Nachricht sendet, daß er unser Land zu kaufen gedenkt, so verlangt er viel von uns. Der große Häuptling teilt uns mit, daß er uns eine Platz gibt, wo wir angenehm und für uns leben können. Er wird unser Vater und wir werden seine Kinder sein. Aber kann das jemals sein? Gott liebt Euer Volk und hat seine roten Kinder verlassen. Er schickt Maschinen um dem weißen Mann bei seiner Arbeit zu helfen und baut große Dörfer für ihn. Er macht Euer Volk stärker, Tag für Tag. Bald werdet Ihr das Land überfluten wie Flüsse, die die Schluchten hinab stürzen nach einem unerwarteten Regen.

Mein Volk ist wie eine ablaufende Flut – aber ohne Wiederkehr. Nein, wir sind verschiedene Rassen. Unsere Kinder spielen nicht zusammen und unsere Alten erzählen nicht die gleichen Geschichten. Gott ist Euch gut gesinnt und wir sind Waisen. Wir werden Euer Angebot, unser Land zu kaufen, bedenken. Das wird nicht leicht sein, denn dieses Land ist uns heilig.

Wir erfreuen uns an diesen Wäldern. Ich weiß nicht – unsere Art ist anders als die Eure.

Glänzendes Wasser, das sich in Bächen und Flüssen bewegt, ist nicht unser Wasser – sondern das Blut unserer Vorfahren. Wenn wir Euch das Land verkaufen, müsst Ihr wissen, daß es heilig ist, und Eure Kinder lehren, daß es heilig ist und daß jede flüchtige Spiegelung im klaren Wasser der Seen von Ereignissen und Überlieferungen aus dem Leben meines Volkes erzählt. Das Murmeln des Wassers ist die Stimme meiner Vorväter. Die Flüsse sind unsere Brüder – sie stillen unseren Durst. Die Flüsse tragen unsere Kanus und nähren unsere Kinder.

Wenn wir unser Land verkaufen, so müßt Ihr Euch daran erinnern und Eure Kinder lehren: Die Flüsse sind unsere Brüder – und Eure – und Ihr müsst von nun an den Flüssen Eure Güte geben, so wie jedem anderen Bruder auch. Der rote Mann zog sich immer zurück vor dem eindringenden weißen Mann – so wie der Frühnebel in den bergen vor der Morgensonne weicht. Aber die Asche unserer Väter ist heilig, ihre Gräber sind geweihter Boden und so sind diese Hügel, diese Bäume, dieser Teil der Erde uns geweiht. Wir wissen, daß der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der nacht und nimmt von der Erde was immer er braucht. Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter. Er läßt die Gräber seiner Väter zurück und kümmert sich nicht. Er stiehlt die Erde von seinen Kindern und kümmert sich nicht. Seiner Väter Gräber und seiner Kinder Geburtsrecht sind vergessen. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste.

Ich weiß nicht – unsere Art ist anders als die Eure. Der Anblick Eurer Städte schmerzt die Augen des roten Mannes. Vielleicht, weil der rote Mann ein Wilder ist und nicht versteht.

Es gibt keine Stille in den Städten der Weißen. Keinen Ort um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten. Aber vielleicht nur deshalb, weil ich ein Wilder bin und nicht verstehe. Das Geklappere scheint unsere Ohren nur zu beleidigen. Was gibt es schon im Leben, wenn man nicht den einsamen Schrei des Ziegenmelkervogels hören kann oder das Gestreite der Frösche am Teich bei Nacht? Ich bin ein roter Mann und verstehe das nicht. Der Indianer mag das sanfte Geräusch des Windes, der über eine Teichfläche streicht – und den Geruch des Windes, gereinigt vom Mittagsregen oder schwer vom Duft der Kiefern. Die Luft ist kostbar für den roten Mann, denn alle Dinge teilen den selben Atem; Das Tier, der Baum der Mensch, sie alle teilen den selben Atem. Der weiße Mann scheint die Luft, die er atmet, nicht zu bemerken; wie ein Mann der seit vielen Tagen stirbt ist er abgestumpft gegen den Gestank. Aber wenn wir Euch unser Land verkaufen, dürft Ihr nicht vergessen, daß die Luft uns kostbar ist – daß die Luft ihren Geist teilt mit all dem Leben, das sie enthält. Der Wind gab unseren Vätern den ersten Atem und empfängt ihren letzten. Und der Wind muß auch unseren kindern den Lebensgeist geben. Und wenn wir Euch unser Land verkaufen, so müßt Ihr es als ein besonderes und geweihtes schätzen, als einen Ort, wo auch der weiße Mann spürt, daß der Wind süß duftet von den Wiesenblumen.

Das Ansinnen, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken und wenn wir uns entschließen, anzunehmen, so nur unter einer Bedingung: Der weiße Mann muß die Tiere des Landes behandeln wie Brüder.

Ich bin ein Wilder und verstehe es nicht anders. Ich habe tausende verrottende Büffel gesehen, vom weißen Mann zurückgelassen, erschossen aus einem vorüber fahrenden Zug. Ich bin ein Wilder und kann es nicht verstehen, wie das qualmende Eisenpferd wichtiger sein soll als der Büffel, den wir nur töten, um am Leben zu bleiben. Was ist der Mensch ohne Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an großer Einsamkeit des Geistes. Was immer den Tieren geschieht – es geschieht auch bald dem Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden.

Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Ihr müßt Eure Kinder lehren, daß der Boden unter ihren Füßen die Asche unserer Großväter ist. Damit sie das Land achten erzählt ihnen, daß die Erde erfüllt ist von den Seelen unserer Vorfahren. Lehrt Eure Kinder das, was wir unseren Kindern lehren: Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Wenn die Menschen auf die Erde spucken, spucken sie auf sich selbst. Denn das wissen wir: Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört der Erde – das wissen wir. Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an. Nein, Tag und Nacht können nicht zusammenleben. Unsere Toten leben fort in den süßen Flüssen der Erde, kehren wieder mit des Frühlings leisem Schritt und es ist ihre Seele im Wind, der die Oberfläche des Teiches kräuselt.

Das Ansinnen des weißen Mannes, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken. Aber mein Volk fragt, was denn will der weiße Mann? Wie kann man den Himmel oder die Wärme der Erde kaufen – oder die Schnelligkeit der Antilope? Wie können wir Euch diese Dinge verkaufen und wie könnt Ihr sie kaufen? Könnt Ihr denn mit der Erde tun was Ihr wollt, nur weil der rote Mann ein Stück Papier unterzeichnet und es dem weißen Manne gibt? Wenn wir nicht die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers besitzen, wie könnt Ihr sie dann von uns kaufen? Könnt Ihr die Büffel zurückkaufen, wenn der letzte getötet ist?

Wir werden Euer Angebot bedenken. Wir wissen, wenn wir nicht verkaufen, kommt wahrscheinlich der weiße Mann mit Waffen und nimmt sich unser Land.Aber wir sind Wilde. Der weiße Mann, vorübergehend im Besitz der macht, glaubt, er sei schon Gott, dem die Erde gehört. Wie kann ein Mensch seine Mutter besitzen?

Wir werden Euer Angebot, unser Land zu kaufen, bedenken, Tag und Nacht können nicht zusammenleben – wir werden Euer Angebot bedenken, in der Reservat zu ziehen. Wir werden abseits und in Frieden leben. Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Unsere Kinder sahen ihre Väter gedemütigt und besiegt. Unsere Krieger wurden beschämt. Nach Niederlagen verbringen sie ihre Tage müßig – vergiften ihren Körper mit süßer Speise und starkem Trunk.

Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Es sind nicht mehr viele. Noch wenige Stunden, ein paar Winter, und kein Kind der großen Stämme, die einst in diesem Land lebten oder jetzt in kleinen Gruppen durch die Wälder streifen, wird mehr übrig sein um an den Gräbern eines Volkes zu trauern, das einst so stark und voller Hoffnung war wie das Eure.

Aber warum soll ich trauern über den Untergang meines Volkes, Völker bestehen aus Menschen und nichts anderem. Menschen kommen und gehen wie die Wellen im Meer. Selbst der weiße Mann, dessen Gott mit ihm wandelt und redet wie Freund zu Freund, kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch Brüder. Wir werden sehen.

Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages entdeckt – unser Gott ist derselbe Gott. Ihr denkt vielleicht, daß Ihr ihn besitzt, so wie Ihr unser Land zu besitzen trachtet, aber das könnt Ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen – gleichermaßen der Roten und Weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll und die Erde zu verletzen heißt ihren Schöpfer zu verachten.

Auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als die anderen Stämme. Fahret fort, Euer Bett zu verseuchen, und eines Tages werdet Ihr im eigenen Abfall ersticken. Aber in Eurem Untergang werdet Ihr hell strahlen – angefeuert von der Stärke des Gottes, der Euch in dieses Land brachte und Euch bestimmte, über dieses Land und den roten Mann zu herrschen. Diese Bestimmung ist uns ein Rätsel. Wenn die Büffel alle geschlachtet sind, die wilden Pferde gezähmt, die heimlichen Winkel des Waldes schwer vom Geruch der vielen Menschen und der Anblick reifer Hügel geschändet von redenden Drähten – wo das Dickicht fort, wo der Adler fort, und was bedeutet es, Lebewohl zu sagen dem schnellen Pony und der Jagd: Das Ende des Lebens – und der Beginn des Überlebens.

Gott gab Euch die Herrschaft über die Tiere, die Wälder und den roten Mann aus einem besonderen Grund – doch dieser Grund ist uns ein Rätsel. Vielleicht könnten wir es verstehen, wenn wir wüßten wovon der weiße Mann träumt, welche Hoffnungen er seinen Kindern an langen Winterabenden erzählt, und welche Visionen er in ihre Vorstellung brennt, so daß sie sich nach dem Morgen sehnen. Aber wir sind Wilde – die Träume des weißen Mannes sind uns verborgen. Und weil sie uns verborgen sind, werden wir unsere eigenen Wege gehen. Denn vor allem schätzen wir das Recht eines jeden Menschen, so zu leben, wie er selber es wünscht – gleich wie verschieden er von seinen Brüdern ist.

Das ist nicht viel, was uns verbindet.

Wir werden Euer Angebot bedenken. Wenn wir zustimmen, so nur, um das Reservat zu sichern, das Ihr versprochen habt. Dort vielleicht können wir unsere kurzen Tage auf unsere Weise verbringen.

Wenn der letzte rote Mann von dieser Erde gewichen ist und sein Gedächtnis nur noch der Schatten einer Wolke über der Prärie, wird immer noch der Geist meiner Väter in diesen Ufern und diesen Wäldern lebendig sein. Denn sie liebten diese Erde, wie das Neugeborene den Herzschlag seiner Mutter. Wenn wir Euch unser Land verkaufen, liebt es, so wie wir es liebten, kümmert Euch, so wie wir uns kümmerten, behaltet die Erinnerungen an das Land so wie es ist, wenn Ihr es nehmt. Und mit all Eurer Stärke, Eurem Geist, Eurem Herzen, erhaltet es für Eure Kinder und liebt es – so wie Gott uns alle liebt.

Denn Eines wissen wir: unser Gott ist derselbe Gott. Diese Erde ist ihm heilig. Selbst der weiße Mann kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch – Brüder. Wir werden sehen.“

Ja, seine Worte sind wie Sterne – blumig und trotzdem ist die Botschaft richtig. Wie eingangs erwähnt dürfte die Rede alles andere als historisch sein. Chief Seattle konnte weder von den Büffeln erzählen (die gab es nie in der Gegend, im übrigen auch noch keine Eisenbahn!), noch kann er wirklich gewußt haben, was eigentlich ein Ziegenmelkervogel ist, weil diese Art in Amerika überhaupt nicht existiert. Das sind zwei Beispiele für letztendliche Fehler in der Rede, die nachweisen daß sie so nicht – und schon gar nicht vor dem amerikanischen Kongreß! – gehalten wurde. (Anmerkung: Der letzte Link, nebenbei, hat die Rede doch auf Deutsch. Ich hätte mir das Tippen also sparen können…) Dafür gibt es auch noch einen anderen Nachweis: Seattle sprach kein Englisch, er hielt seine Rede vermutlich in Chinook.

Aber ihre zentrale Botschaft, daß wir Kinder der Erde sind und mit ihr sterben wenn wir so weitermachen, die ist nicht falsch. Hannes Wader vertonte die Rede 1985 sogar einmal: