Vom Sinnentstellenden Zitat

Im Zeitalter der zwanghaften Verkürzung ist es inzwischen leider mehr als üblich, Aussagen von Mitmenschen – ob Politiker oder nicht – irgendwie auf 140 Zeichen herunterbrechen zu wollen. Das ist allerdings nicht gerade neu: mit dieser Form der Verkürzung arbeitet beispielsweise die BILD-Zeitung schon sehr lange. Und dass dabei oft der Sinn entstellt oder sogar umgekehrt wird, ist wohl nicht selten Absicht.

Zwei Beispiele gab es in Jüngster Zeit, ÜberMedien berichtete über beide. Im ersten Fall ist Arbeitsministerin Andrea Nahles das Opfer: Eine Aussage von ihr zum Thema „Grundeinkommen“ ist von – ausgerechnet – dem Deutschlandfunk völlig sinnentstellend wiedergegeben worden. Im Rahmen einer Rede auf der Re:publica sagte Frau Nahles:

„‚Das Grundeinkommen führt dazu, dass keiner mehr schlecht oder niedrig entlohnte Arbeit macht.‘ – Leute, wenn das stimmen würde, dann käme ich ins Schwanken.“

Im Video ab 2:17:47

Das ist eine Aussage, an der man sich abarbeiten kann oder nicht; tatsächlich geht es hier gar nicht um den Inhalt. Der DLF machte daraus:

„Das bedingungslose Grundeinkommen führt dazu, dass keiner mehr schlechte oder niedrig bezahlte Arbeit machen möchte“

Hum… das ist irgendwie das Gegenteil dessen, was sie sagte, oder? Denn der zweite Satz, „Leute, wenn das stimmen würde, dann käme ich ins Schwanken.“ relativiert hier ja den ersten um eine Argumentationskette aufzubauen. Das ist normale (und nicht mal besonders geschliffene) Rhetorik. Aber durch die Verkürzung erreichte der DLF genau das, was er wohl wollte: Empörung, Klickzahlen und letztendlich auch eine Anti-SPD-Stimmung.

Das geht aber nicht nur der SPD so, sondern auch anderen. Die AfD zum Beispiel. Nicht, dass ich die NDP-Nachfolgepartei gerne in Schutz nehme und das ist auch gar nicht nötig: Wenn man sich das Programm oder auch – ganze – Reden von ihrer „Prominenz“ so durchliest, weiß man ziemlich genau, was das für Leute sind.

Allerdings ist dem Baden-Württembergischen Abgeordneten Rainer Podeswa ebenfalls eine solche Sinnentstellung klürzlich passiert. Er sagte in einer Rede am 11. Mai 2017:

Die haben damals Hunderte von Frauen verbrannt und damit das Klima gerettet. Das sind die Ergebnisse einer öko-stalinistischen, schon wahnhaften Mission, die Sie in diesem Thema verfolgen. Wir von der AfD stehen für eine Klima-, für eine Wirtschafts- und eine Gesellschaftspolitik der Vernunft.

Das ist zwar völliger Unsinn, aber problemlos andiskutierbar. (Den Kampf gegen den Klimawandel mit Massenmord gleichzusetzen ist tatsächlich völlig daneben; Aber halt das, was diese Leute unter „Denken“ verstehen).

Allerdings machten die dpa und dann weitere Medien (ohne die Quelle mal zu checken, die Sitzung inklusive der Rede ist online verfügbar) daraus „AfD-Politiker empfiehlt Frauenverbrennung zur Klima-Rettung“ Nein, das hat er nicht gesagt. Aber natürlich liefen gleich wieder alle Sturm und das eigentliche Problem, nämlich dass die AfD jedwede wissenschaftliche Erkenntnis zum Klimawandel leugnet und mit ihrer Ahnungslosigkeit im Parteiprogramm hausieren geht, ist völlig unter den Tisch gefallen.

Meinen Sie, das ist nicht so? Na, schauen Sie mal:

Was aus diesem Video im Übrigen wurde, hat Lesch dann eine Woche später auch gleich beantwortet.

Der Webauftritt des Helferkreises

Dieser Artikel erschein bereits in der Zornedinger Rundschau Nr. 77 (pdf) vom Mai 2015

Ohne IT geht heute gar nichts mehr. Ein kleines Projekt, eigentlich nur zur Kommunikation innerhalb des Helferkreises gedacht, wuchs und wuchs und mittlerweile macht das Beispiel Schule. Aber von Anfang an.

Am Anfang stand eine Idee: Als sich der Helferkreis Sprache in Zorneding das erste Mal zusammensetzte – und ich aufgrund meines Lehramtsstudiums beschloss da mitzuarbeiten – wollte ich ein Forum einrichten, damit sich die Helfer untereinander leichter verständigen können.

Gesagt – getan. Ein kleines Forum für die vielen Zornedinger Flüchtlingshelfer ist in wenigen Stunden eingerichtet.

Das Projekt wuchs und wuchs…

Nach und nach kamen Wünsche auf, ein bisschen mehr zu haben als nur ein Forum. Letztendlich ging ich dann den Weg aller Entwickler – ich kaufte Webspace, machte einen Plan und legte los. Kann ja nicht so schwer sein. Oder doch?

Zur Repräsentation der Arbeitskreise des Helferkreises und um Ihnen, liebe Bürgerinnen und Bürger, von unserer Arbeit zu berichten haben wir nun eine Homepage und das Tagebuch.

Die Homepage, zu erreichen unter www.helferkreis-zorneding.de, dient Ihnen als Überblick. Dort können Sie sich über unsere Flüchtlinge informieren, erhalten Hinweise zum Asylverfahren und finden auch ein Kontaktformular, um mit uns in Verbindung treten zu können.

Alle Helferkreise Zornedings stellen sich und ihre Arbeit hier vor. Sie können sich also gerne informieren, welche Arbeit aktiv geleistet wird und vielleicht wecken wir ja Interesse bei Ihnen, sich bei uns zu beteiligen?

Die Internetseite ist im steten Wandel und wird sich sicherlich hin und wieder verändern, klicken Sie doch einfach mal rein.

Aber das ist noch nicht alles.…

Wir haben neben der Homepage auch ein Weblog, das Tagebuch. Hier berichten wir regelmäßig über unsere Arbeit. In diesem Tagebuch dürfen und sollen auch Sie frank und frei jedes Thema kommentieren. Wir freuen uns über jeden Beitrag. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass jeder Beitrag zu diesem sensiblen Thema von einem Team von Redakteuren moderiert wird. Sie finden das Tagebuch über einen Link auf der Homepage oder direkt unter http://tagebuch.helferkreis-zorneding. de.

Für alle, die uns gerne mit Spenden unterstützen möchten, habe ich auch noch ein anderes, großes Projekt umgesetzt.

Einkaufen mal ganz anders

Viele Bürgerinnen und Bürger haben sich erkundigt, ob wir Sachspenden entgegennehmen und dafür ist in den letzten Wochen etwas geschaffen worden: Der Spendenshop.

Wenn Sie sich auf http://spenden.helferkreis-zorneding.de einloggen, finden Sie ihn. Der Shop ist so einfach zu bedienen wie jedes Online-Kaufhaus, dass Sie kennen. Wenn Sie bei der Bedienung Hilfe benötigen, finden Sie diese auf der Homepage direkt (in Form einer schriftlichen Beschreibung und – neuer Service – in Form eines kleinen Videos) oder per E-Mail an: Shophilfe@helferkreis-zorneding.de.

Warum dieser Weg?

Viele Helferkreise in Deutschland nehmen Sachspenden an einer zentralen Stelle an, lagern diese und geben sie wieder an die Flüchtlinge aus. Das erfordert jedoch ein großes Lager und einen sehr hohen Personalaufwand. Dem wollten wir entgegenwirken.

Daher läuft es bei uns umgekehrt: Wir stellen in den Shop ein, was derzeit benötigt wird und Sie haben die Möglichkeit, bedarfsgerecht zu spenden.

Das hat für Sie den Vorteil, dass Ihre Hilfe auch garantiert ankommt und gebraucht wird, somit wird Ihre Spendenbereitschaft auch sehr wertgeschätzt. Für uns ergeben sich Vorteile vor allem darin, den Fluss der Spenden kanalisieren zu können.

Sie können auf der Homepage auch ein Kontaktformular nutzen, um uns mitzuteilen, was Sie eventuell spenden können. Sollte entsprechender Bedarf bestehen, werden wir uns bei Ihnen melden. Sie finden das Formular auf unserer Homepage im Bereich „Kontakt“

Back to the Future…

In Zukunft sind noch eine Reihe weiterer Entwicklungen geplant. Ein vernünftiges Logo brauchen – und kriegen – wir auch noch. Ideen sind immer willkommen. Sie erreichen mich über die Homepage oder direkt per E-Mail an Webmaster <at> helferkreis-zorneding.de

Christen unter sich!

Nurmehr knapp eine Woche bin ich noch in Zorneding, und ausgerechnet meine geliebte Heimatgemeinde verabschiedet mich fassungslos mit einer schier unglaublichen Nachricht: Zornedings katholischer Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende tritt zurück, weil er Morddrohungen erhalten hat.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ausgerechnet in Zorneding solche Irren herumlaufen, wie sie von Pegida und AfD derzeit regelmäßig rekrutiert werden. Nachdem sich die (ehemalige) CSU-Vorsitzende Boher und Herr Heindl von den meisten Ämtern zurückgezogen hatten, nachdem die Empörung über deren „Äußerungen“, die nichts anderes als rechte Hetze und ein entlarvend unmenschliches Weltbild waren, wieder einigermaßen für Ruhe gesorgt hatten, jetzt das.

Offenbar laufen da schon länger unverhohlene Drohungen, da wird mit „Auschwitz“ gedroht und irgend jemand ist sich anscheinend nicht zu blöd, den Pfarrer auch körperlich zu bedrohen.

Mit diesem Schandmal hat es das kleine Zorneding in die nationale Presse geschafft; Herzlich Glückwunsch all den „Verteidigern unserer christlichen Leitkultur„. Merkur und Süddeutsche, aber auch Spiegel, Stern, BR und sogar das Tagblatt von Springer berichten über den widerwärtigen Vorgang.

Was ich nicht verstehen kann: AfD und Pegida behaupten mit Schützenhilfe von Seehofer und seinem Geschwafel, dass in unserem Land Recht und Ordnung wegen irgendwelcher Flüchtlinge nicht mehr gelten würden; Sie konstruieren zum Teil hanebüchene Bedrohungsszenarien um Ängste zu schüren und was genau ist die Bedrohung im Land?

Pegida.

Brandstiftungen, Morddrohungen, Wütende Mobs, Barbaren beherrschen die Straßen. Weiße, vermeintlich christliche Menschen. Kleinbürger, die Gartenzwergfraktion. Sie hasst wieder, sie meint ihre kleine Welt gegen eine nicht näher definierte Bedrohung von außen verteidigen zu müssen, koste es, was es wolle.

Das letzte Mal endete das tatsächlich mit Auschwitz.

Von den Klausuren zum Klickbaiting

Eigentlich wollte ich meinen Blog aus dem Winterschlaf holen, indem ich wieder einmal über JJ Abrams herziehe, den wohl miesesten Regisseur Hollywoods. Der Artikel dazu ist schon lange fertig, muss nur überarbeitet werden und weil ich meine Klausuren irgendwie wichtiger fand habe ich die erstmal geschrieben.

Tja… und dann passierte heute dieses Zugunglück. Das tut mir schrecklich leid für die Opfer und deren Hinterbliebenen und Verwandte, aber weil meine Generation ja so etwas immer gern über das Internet erfahren muss, müssen wir auch immer die medialen Folgen ertragen. Clickbaiting mit Toten zum Beispiel.

„Schenken Sie Ihren Kindern schlaue Eltern“, lautet der Werbespruch der Süddeutschen Zeitung, aber er müsste ergänzt werden mit „… oder wenigstens so richtig sensationsgeile!“. Zum Zugunglück in Bad Aibling findet man nämlich (nicht nur bei der Süddeutschen, das haben sie alle – von der untersten Schiene des „Online-Journalismus“, also Focus.de, Bild.de und Spiegel.de, bis hin zu den seriöseren. Als Beispiel soll uns hier aber mal wieder meine Süddeutsche dienen) eine schöne Fotostrecke unter dem Titel:

Sueddeutsche Clickbaiting 03

„Zugunglücke. Die schönsten Bilder von 1939 bis 2016, garantiert garniert mit den besten Bildern die wir liefern können.“  (Nein, der Titel ist meine Interpretation, aber das sagen sie doch, oder?)
Jetzt ist die Art der Medien, größtmögliche Erregungszustände mit der größtmöglichen Dramatik zu erreichen nun echt nichts Neues. Eher eine Erkenntnis der Ebene „Das Gras ist grün“ aber nach wie vor halte ich dieses Klickbaiting mit möglichst vielen belanglosen Fotos (Der Teaser ist immer das dramatischste!) für die widerlichste Art des Sensationsjournalismus, die es derzeit gibt. Hier werden die Leichen von Menschen (wenn möglich) hervor gezerrt – gern auch noch 20 Jahre nach deren Ableben – und ohne Rücksicht auf irgendwelche Hinterbliebenen oder gar die Toten selbst ausgeschlachtet um letztendlich Sensationslust zu befriedigen (und immer weiter zu steigern – man muss ja die Konkurrenz… Sie wissen schon) und Werbeeinnahmen zu generieren.

Liebe Frühstücksflocken, liebe Metzger – ist das wirklich das womit ihr verbunden werden wollt? Warum werbt Ihr nicht woanders – beispielsweise bei einer Pornoseite? Da geht es erheblich anständiger und menschlicher zu als in der durchschnittlichen „Online-Redaktion“ eines vermeintlich seriösen Unternehmens.

Naja, man kann das Ganze aber natürlich steigern. Die Bilder (Nein, ich werde das Ding nicht verlinken, finden Sie es selbst) steigern natürlich gelegentlich das leichte Gruseln und den Wunsch, am Ende ein noch schlimmeres Bild zu erhalten. Fast schon entschuldigend ist das letzte wiederum ein Symbolbild und hat als Bildkommentar:

Sueddeutsche Clickbaiting 02

„Oooooohh……..!“ Wie traurig. Regelrecht entschuldigend geht die „Zeitung schlauer Eltern“ mit der Erkenntnis um, dass sie keine zerstörten Maschinen, keine Fetzen von Menschen, ja nicht einmal 1/4 Kilo halb und halb Gehacktes finden konnte, um den Blutdurst zu stillen.

Warum klicke ich mich dann durch?
Berechtigte Frage. Hätte ich sicher nicht gemacht, wenn ich nicht via Teaser schon auf diesen Text gestoßen wäre:

Sueddeutsche Clickbaiting 01

Mal abgesehen von der völlig schwachsinnigen Einleitung, die jedem halbwegs literarisch begabten (also schlauen) Menschen die Haare zu Berge stehen lassen, ist der Inhalt dieses ersten Textes eine mittlere Katastrophe: „fanden auf ehemligen Gebiet“ – der Rechtschreibung statt. Okay, das kann passieren, zum Beispiel wenn schlaue Menschen meinen, dass es im Zeitalter von Rechtschreibkorrekturen und ohnehin einer dummen Konsumgesellschaft durchaus angebracht wäre, dass man tonnenweise Lektoren rauswirft. Ich bin kein Verlag, die schon. Denen sollte so etwas auffallen – ich merke das ebenso wie jeder Redakteur am Bildschirm eben einfach nicht. Dafür könnte man Leute beschäftigen, ich kann das nicht. Aber gut, die Aussage ist das eigentliche Problem:

„Aus heutiger Perspektive können sie daher nicht mehr als
Deutsche-Unfälle betrachtet werden.“

Was beim Gott der bild’schen Kurzschrift sind Deutsche-Unfälle? Und welche Perspektive ist das – wenn die Reichsbahn 1940 einen Unfall per menschlichem Versagen verursacht haben sollte (ist jetzt ein fiktives Beispiel), das in einem Gebiet, welches heute zu Polen gehört, passierte – ist das damit ein „Polen-Unfall“? Ist dann das gezeigte Beispiel des Unglücks bei Oberelkofen 1945, noch dazu bei mir daheim (und ich hatte davon vorher noch nie was gehört) eigentlich ein „Amerikaner-Unfall“?

Schenken Sie Ihren Kindern schlaue Eltern. Lesen Sie eine Zeitung. Aber nicht die Süddeutsche. Die hält Sie nämlich entweder für blöd oder ist aktuell dermaßen voller Dilettanten, dass sich der Gegenwert von drei Krapfen kaum rechnet. Derzeit empfinde ich die Monde Diplomatique (Gibt’s auch auf Deutsch, keine Angst) als ganz angenehm. Wie wäre es damit?

Kaffeesatzleser und andere Regierungsberater

Prophezeiungen sind etwas wunderbares: Sie versprechen Gutes und Schlechtes aber vor allem geben sie dem Empfänger – so er an sie glaubt – das Gefühl, etwas über die Zukunft zu erfahren. Das wiederum schafft ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Alles nur esoterische Spinnerei? Nein, Politik.

Man nennt das den Barnum-Effekt. Florian Freistetter hat in seinem – von mir an dieser Stelle schon oft gerühmten – Blog „Astrodicticum Simplexeinen Artikel über die aus den Prophezeiungen des Michel de Nostredame, besser bekannt als „Nostradamus“ interpretierten Voraussagen einer Autorin Namens Valerie Hewitt geschrieben, der recht lesenswert ist, auch wenn er nicht der erste ist, der darüber schreibt.

Im Grunde handelt es sich bei diesem Zeug ja nur um den üblichen Esoterik – Unsinn, den man getrost ignorieren könnte und über den sich aufregen eigentlich nur lohnt, wenn Freunde in die Sogwirkung dieser Gelddruck-Maschine geraten.

Glauben Sie, dass es Regierungen gibt, die noch auf Wahrsager vertrauen? Oh ja, die gibt es. Und sie sind nicht ausschließlich Spinner: Die deutsche Bundesregierung zum Beispiel. Meinen Sie, ich spinne? Keineswegs.

Kennen Sie den „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung„? Wahrscheinlich, im Pressejargon wird gerne von den „5 Wirtschaftsweisen“ gesprochen. Der gibt jährlich – von Ihnen mitfinanziert – ein Gutachten über das abgelaufene Jahr heraus und stellt Prognosen für das kommende Jahr an. Diese Prognosen, von denen in den Medien in aller Regel nur die prognostizierte Wachstumsrate für die Wirtschaft zitiert wird, stellen eine Grundlage des wirtschaftspolitischen Handelns der Bundesregierung dar. Und das seit 1963 – das Gesetz stammt vom 14.8.1963 und ist unter Adenauer vorbereitet und umgesetzt worden.

Natürlich sind die nicht die einzigen – aber diejenigen, die am häufigsten und am ausführlichsten immer wieder zitiert werden, mitunter gar so, als verkündeten sie das Wort Gottes.

Dabei liegen die „Weisen“ praktisch immer falsch – denn die von ihnen gemachte und von den Medien als unumstößliche Vorhersage soufflierte Prognose trifft ja auf einen darauf reagierenden Markt.

Sagen die Wirtschaftsweisen ein Wachstum von „nur 0,6%“ vorher wirkt das ungemein präzise und muss ja stimmen – hinterher wird das dann korrigiert (Immer mit dem Zusatz: „Wirtschaftsweise korrigieren Wachstumsprognose nach unten/oben„) und tatsächlich liegen die niemals richtig. Zwar sagen sie meistens einen Trend korrekt voraus, aber auch das klappt nicht immer.

Beispielsweise sagten sie für das Jahr 2009 ein Wachstum des BIP von 0,2% voraus. Das ist recht wenig, tatsächlich sank das BIP 2009 aber um volle 5,1%. Die FAZ hat das mal in einer Infografik für die Jahre 2004 bis 2012 zusammengestellt.

Was mich immer wieder amüsiert: Die gleichen Medien, die gerne kritisieren, dass die Prognosen völliger Quatsch seien (FAZ und SZ sind jetzt hier nur zwei Beispiele), machen aber auch gerne genau mit diesen Prognosen ihre Zeitung auf – Schlagzeilen über Wahrsager sind das Motto.

Und natürlich sollen Sie das auch lesen – denn mit solchen Prognosen wird gerne gewunken wenn es um Ihren real sinkenden Bruttolohn geht und Sie gerne mehr hätten – oder wenigstens real das Gleiche wie im Jahr zuvor – und außerdem gibt Ihre Regierung im Jahr dafür rund 2,1 Millionen Euro aus.

Tja, so ist das mit den Menschen – die Zeit der Herrscher, die von Menschen beraten werden, die aus dem Flug der Vögel das Regierungshandeln vorhersagen, ist eben noch nicht so ganz vorüber. Wir sind eben doch ein konservativer Haufen.

P.S.: Im Übrigen sind das nicht die einzigen seltsamen Prognosen, die so durch unsere Presselandschaft geistern und die immer wieder wie Wahrheiten behandelt werden. Nehmen Sie die Berechnung des ifo-Geschäftsklima-Indexes zum Beispiel (Hier klicken für das „Geschäftsklima“). Das Ergebnis ist irgendeine Kommazahl, die natürlich total nach Wissenschaft aussieht. Der Index selbt berechnet sich  dann etwas anders (Hier klicken) und gibt dann irgendeinen Wert aus, der gefühlt sechs Wochen durch alle Medien geistert.

Der aber nichts aussagt.

Mal sachlich diskutieren

Beim Thema „Griechenland“ hat es die BILD-Zeitung geschafft, nicht nur die Leser, die ihr Hirn darin einwickeln, sondern mehr oder weniger die gesamte deutsche Presselandschaft und infolgedessen auch mehr oder weniger die Mehrheit in der Bevölkerung völlig an den Fakten vorbei gegen das griechische Volk und insbesondere die griechische Regierung aufzuhetzen.

Aber – noch gibt es ein paar Dörfer die WIderstand leisten. Neben der rationalen Aufklärung durch die Nachdenkseiten, für die ich mich an der Stelle herzlich bedanken möchte, hat nun auch Campact ein Video online gestellt, sachlich und ruhig argumentiert, das in weniger als 10 Minuten mehr Informationen bietet als die Gesamtveröffentlichung der Springer- und Bertelsmanngruppen.

Die hier zu Wort kommenden Diskutanten sind:

Prof. Dr. Till van Treeck, Wirtschaftswissenschaftler Uni Duisburg-Essen
Margarita Tsomou, Herausgeberin Missy Magazin
Ulrike Hermann, Journalistin bei der taz
Harald Schumann, Autor und Journalist, Tagesspiegel
Prof. Dr. Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin, Humboldt-Viadrina

Macht es nicht immer wieder Spaß?

Viel ist schon geschrieben worden über Zeitungen, die ihre Inhalte beim Werbekunden organisieren und für ein bißchen viel Geld recht unkritisch berichten. Werbung und redaktionellen Inhalt bei Bedarf auch mischen – unter anderem das BildBlog lebt ja davon.

Irgendwie will ich die Story nicht nochmal aufwärmen – nur mal dran erinnern. Hat ja schon jeder vergessen, worum es eigentlich ging, oder? Ich will aber auf was anderes hinaus, und lass es auch unkommentiert:

Heute, 18.5.2015, auf FAZ.net unter Finanzen zu lesen:

FAZ_STeuerAnlageentscheidung
Jetzt Aktien aus Europa kaufen!
Der deutsche Leitindex Dax ist eine Freude. Noch attraktiver sind die Börsen in Spanien, Italien und Frankreich.

und:

Wochenausblick
Keine Ruhe an den Börsen
Anleger am deutschen Aktienmarkt werden wohl auch in der neuen Woche starke Nerven brauchen. Weiterhin könnten neuerliche Eskapaden am Anleihemarkt oder auch der Eurokurs für eine Rally oder eine steile Talfahrt des Dax sorgen.

Welcher Artikel nun von welchem Werbekunden, äh, inspiriert wurde, überlasse ich Ihnen. 🙂

Bahn-Streik, na und?

Ich bin so wie fast jeder Arbeitnehmer im Land Bahnkunde und davon abhängig, mit dem Zug zur Arbeit zu kommen. Naja, S-Bahn. Ich habe Alternativen (Bus, U-Bahn), zugegeben. Aber nicht für alles. Meine Lehrtätigkeit erledige ich mit dem Zug, sei es für die Flüchtlinge in Zorneding oder für meine Schüler. Und wissen Sie was? Ich habe trotzdem kein Problem.

Klar, lästig ist es eben schon. Aber so weit scheint es gekommen zu sein: „Lästig“ ist es, wenn Menschen Ihre Grundrechte wahrnehmen. „Lästig sein“ ist das Maß aller Dinge. Hoppla!

Woher kommt denn der mediale Gegenwind – den ich nebenbei bei Bahnreisenden verhältnismäßig selten spüre – geradezu der geballte Haß auf den Gewerkschaftsboß? Gerade die konservative Presse schüttet Wut und sehr interessante Rechenbeispiele über uns Lesern aus in der Hoffnung, daß sich jeder von uns persönlich geschädigt fühlen möge.

Fühlen Sie sich geschädigt? Ich meine jetzt nicht im Hinblick darauf, daß Sie Ihre Fahrt zur Arbeit ein bißchem umplanen oder sogar einfach einen ungeplanten Urlaubstag nehmen müssen, sondern tatsächlich geschädigt, also persönlich oder finanziell?

Ja, sehen Sie sich schon, oder? Es geht um die Fahrkarte: Sie bekommen nämlich nur als Zugreisender den Fahrpreis erstattet, wenn Sie nicht fahren können, nicht aber als Nahverkehrskunde. Als ein solcher erhalten Sie pro Fahrt 1,50 € erstattet. Bei 2 Fahrten am Tag (Hin zur Arbeit und wieder zurück) und das für 5 Tage sind das immerhin 15 Euro. Das Ticket ist teurer, stimmt. Die Differenz ist tatsächlich Ihr persönlicher Schaden. Ich würde für diese Woche keine Wochenkarte kaufen, bei einer Monatskarte würde ich es geltend machen. Da könnte, je nach dem welche Sie brauchen, eventuell ein Viertel wieder drin sein.

Aber eigentlich geht es gar nicht um mich als Kunde…

Seltsamer Weise ist das aber gar nicht die häufigste Kritik, die man so hört. Die häufigste geht so:

Kein Mensch will das Streikrecht in Frage stellen. Aber vielleicht sollte man allmählich die Verhältnismäßigkeit in Frage stellen. Wenn ein Streik eine ganze Volkswirtschaft gefährden kann . . . Alles hat Grenzen, auch das Streikrecht.

Die spannende Frage lautet dann aber: Wo machen wir diese Grenze fest? und – wichtiger fast, will mir scheinen – wer legt die fest?
Wenn Arbeitnehmer streiken entsteht dem Unternehmen ein finanzieller Schaden. Das wiederum ist stets ein Schaden für die ganze Volkswirtschaft; Denn bestreikt werden in aller Regel eher sehr große Unternehmen – und da bemerkt man das auch auf Volkswirtschaftlicher Ebene.
Wann also ist der Schaden für die Volkswirtschaft (interessanter Begriff an der Stelle, übrigens) zu groß, was ist die Grenze? Wenn man bei Lidl nicht mehr um 19:30 Uhr einkaufen gehen kann? Wenn mein Zug nicht fährt? Wenn mein Paket erst übermorgen kommt? Oder wie?

Es ist ja nun nicht so, daß die Wirtschaft des Landes deswegen zusammenbrechen würde. Ganz im Gegenteil. Vielleicht stockt es grad mal ein bißchen. Aber mal ehrlich: Da werden gerne Zahlen in den Raum geworfen und so richtig weiß keiner, wo die eigentlich herkommen. „Ökonomen“ „schätzen“, daß der Streik bislang „die deutsche Wirtschaft“ „bis zu 500 Millionen“ gekostet haben soll.

Wer sind denn diese „Ökonomen“? Der große Streik 2007/2008 hat angeblich um die 500 Millionen Euro gekostet – und zwar „die deutsche Wirtschaft„. Schon damals war hinterher klar, daß die große Panikmache von täglich dreistelligen Millionenkosten ziemlicher Unsinn war. Das dürfte heute auch nicht anders sein, und trotzdem werden – gerade bei bestimmten Zeitungen – gerne nicht namentlich genannte „Ökonomen“ zitiert, die uns wieder die gleiche Panik zu amchen versuchen.

Andere, wie das Institut der deutschen Wirtschaft, werden wenigstens hin und wieder genannt und sprechen von „bis zu 100 Millionen Euro am Tag„, die das an Kosten verursachen soll. Andere zitieren „zwischen 50 und 100 Millionen„. Okay, nehmen wir das mal einfach an und gehen von 100 Millionen aus. Das bedeutet, „die deutsche Wirtschaft“ setzt pro Tag etwa 100 Millionen Euro mit der Bahn um. Insgesamt natürlich bedeutend mehr. Und da ja immer alle zitierten Experten im Zitat hochgradig nebulös bleiben, woher denn die Zahlen kommen und worauf sie sich beziehen, gehe ich jetzt einfach mal davon aus, die meinen das Bruttoinlandsprodukt. Das betrug in Deutschland 2014 immerhin 2.903,8 Milliarden Euro. Oder 2,9 Billionen Euro. Suchen Sie sich’s aus. Davon – nach Rechnung der Experten, wie sie uns von Seiten der Presse erklärt werden – stammen 36,5 Milliarden Euro durch den Bahnumsatz.

Das ist garantiert alles Quatsch, lassen Sie sich von mir nicht kirre machen. Mir geht es drum, daß Sie aufhören den Zahlen, die da in den Raum geworfen werden, zu glauben sondern diese mal hinterfragen. Denn alleine, indem man die Angaben und die Art der Präsentation in den Medien vorrechnet, wird einem eigentlich der Unsinn schon deutlich.

Also, wenn wir von den genannten Zahlen ausgehen, kostet ein Bahnstreik der Dauer von 30 Tagen (Immerhin ein Monat!) also 3 Milliarden Euro, was 0,1 % unseres Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Bei den 10 Tagen in diesem Jahr bis jetzt (angenommen, dabei bleibt es und das BIP wäre gleich) wären es also 0,03% des BIP. Seltsamer Weise ist das nicht die Schlagzeile in der BILD-Zeitung.

Die Zahlen sind, ich betone das nochmal, Unsinn. Es ist simple Rechenspiele die Ihnen zeigen sollen, daß die Angaben über Kosten eines Streiks insbesondere im Vorfeld einfach keinen Sinn ergeben, wohl aber zur Meinungsmache genutzt werden können. Dazu bedient man sich manchmal sogar einer geschickten Fehlinterpretation und macht aus den 500 Millionen Kosten insgesamt einfach mal 500 Millionen am Tag. Geht auch. Oder aber so wie die Shz: Da werden aus den 500 Millionen oder den 100 Millionen oder wie auch immer plötzlich 500 Milliarden – und 100 Milliarden täglich.

Das ist beeindruckend. Bei 100 Milliarden Euro Umsatz am Tag könnte die Bahn alleine Die Eurozone retten. Das schafft nichtmal die Deutsche Bank, ist aber bislang (12:00 Uhr) keinem aufgefallen…

Geld verdienen mit dem Bahnstreik

Nebenbei, noch eine Randbemerkung: Nicht nur die Konkurrenten der Bahn im Bus- und Zugbereich freuen sich, auch die Bahn selbst. Jetzt kommt wieder eine Milchmädchenrechnung, aber interessant finde ich die Idee schon:

Angeblich beträgt beim Preis einer Fahrkarte, insbesondere bei Monatstickets, der Anteil der Personalkosten etwa 70% des Preises. So ganz glaube ich das nicht, aber okay. Wenn jetzt von diesen Tickets nicht alle erstettet werden müssen – aber auch kein gehalt gezahlt werden muß…. könnte sich so ein Streik lohnen, denn es gibt Geld, ohne daß geleistet werden muß.

Naja. Wie gesagt, Milchmädchenrechnung. Ist natürlich Unsinn. Aber eingehen wird die Bahn schon nicht, keine Angst. Entspannen Sie sich. Es ist höhere Gewalt. Gehen Sie einfach mal wieder ein Stück zu Fuß.

Rechnen mit BILD: Warum Griechenland dem deutschen Staat mehr Geld einbringt als die BILD-Zeitung.

Der BILDblog berichtete, daß sich ausgerechnet unser aller Tageszeitung wieder einmal schwer in den Unsinn verlegt hat: Nun rechnet BILD also aus, was die Hilfskredite an Griechenland in Lastwagen wert sind. Glauben SIe nicht? Sollten Sie.

Die Bildzeitung schreibt folgerichtig, daß es sich um 215,7 MIlliarden Euro an Hilfskrediten handelt. Dazu eine kleine Randbemerkung:

Es handelt sich um KREDITE. Also geliehenes Geld, für das Zinsen zu bezahlen sind. Wie die Linke per Anfrage erfahren hat, hat Griechenland uns Bürgern (oder dem Bund) rund 360 Millionen Euro an Zinsen zwischen 2010 und 2014 bezahlt. Glauben Sie nicht? Sollten Sie.
Das sind immerhin 3.600.000 100 Euro-Scheine. Die wiegen dann immer noch 3,672 Tonnen. Immerhin also, ein Sprinter könnte vorfahren und wieder etwas zurückbringen.

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Das Schlagzeilen-Spiel (VII)

Wie angekündigt werde ich nun ein kleines Spiel spielen. Die meisten Menschen lesen ja kaum mehr eine Zeitung richtig, zur Meinungs“bildung“ und Information tut es ja inzwischen die Überschrift, vielleicht noch der Teaser. Die Welt der Kurzmitteilungen….

Vielleicht sollte man das ja mal tatsächlich machen. Einfach mal nur die Schlagzeilen nehmen und sich mal kurz überlegen, was da für eine Geschichte des Tages dahinter steckt. Das Schlagzeilen-Spiel eben.

Das funktioniert so: Ich lade ein paar Schlagzeilen der Zeitungen hoch, die ich an den Zeitungsständern auf dem Weg zur Arbeit vorfinde. Betrachten wir anschließend die wunderbare Zusammenstellung, dann denken wir uns eine Geschichte aus. Ich freue mich über Kommentare und Vorschläge.

Heute (Bilder vom 31.10.2014) ein wenig unscharf, ich hatte es eilig:

TZ: 8 Hausfrauen verraten Ihre Küchen-Geheimnisse. DAS ECHTE BAYERN

CAM00626Mal ganz davon abgesehen, daß das anscheinend die wichtigste Nachricht des Tages ist, aber sei es drum. Der Rest der Zeitung ist auch nicht besser: Uli Hoeneß, Helene Fischer, Maut, Schmuck und Möbel. Das sind die Inhalte laut Titelseite.

Kocht man das Zeug nun nach, hilft die Bild-Zeitung auf dem Falz:

CAM00625

DIE BESTEN KREBS-EXPERTEN HEUTE AM BILD-TELEFON

Kann man die eigentlich dann sehen an diesem „Bild-Telefon“?

Die Bild-Titelseite in sich hat aber auch noch was Schönes auf Lager: links oben und rechts unten.

„Ruth Maria Kubitschek: Abschied vom TV“ – „Das macht die TV Show so geil!“
Der WItz hat schon fast die Qualität von „BILD – unabhängig – überparteilich“, oder?