Vom Gutmenschentum und schlechten Menschen

Im diskutierenden Alltag dieser Republik gibt es einen Begriff, der als „Totschlag – Argument“ versucht, eine bestimmte Gruppierung oder Haltung abzutun und damit nebenbei eine ganze Menge mehr zerstört als eigentlich gemeint ist. Die Rede ist vom „Gutmenschen“.

Seit den 90er Jahren wird der Begriff in der Regel von der politischen Rechten als Kampfbegriff gebraucht, um insbesondere Grüne, aber auch generell Linke zu umschreiben. Dabei machen sich diese Leute in der Regel nicht des Umstandes bewußt, daß die Selbstabgrenzung von einem solchen Begriff automatisch zu einer Selbstbeschreibung im Gegenteil führt. Sie selbst sehen sich also als „Schlechtmenschen“ oder vielleicht auch als „Gutaffen“, je nach dem was sie eigentlich negieren wollen.

Eigentlich grenzen Sie den guten Menschen vom Gutmenschen ab, zumindest ist das die Intention des Begriffes. Wie sinnvoll das Wort als solches ist, soll im Nachfolgenden diskutiert werden.

Um den Begriff zu recherchieren ist Wikipedia natürlich ein beliebter Einstieg. So liest man im entsprechenden Artikel folgendes:

Gutmensch ist eine meist abwertend gemeinte Bezeichnung für Einzelpersonen oder Personengruppen („Gutmenschentum“), denen ein übertrieben moralisierendes oder naives Verhalten unterstellt wird. In der politischen Rhetorik wird Gutmensch als Kampfbegriff verwendet. Der Neologismus leitet sich von „guter Mensch“ ab – und wendet die positive Bedeutung ins Gegenteil.

Benutzer des Begriffs unterstellen Personen oder Personengruppen mit betont moralischer Grundhaltung ein fehlgeleitetes beziehungsweise zweifelhaftes Verhalten. Der Begriff bezieht sich auch auf den Unterschied zwischen ‚gut gemeint‘ und ‚gut gemacht‘. Ein Gutmensch hat gute Absichten, möchte bestimmte Probleme lösen oder die Welt verbessern. Seine Handlungen oder die verwendeten Mittel gelten aber in den Augen derer, die den Begriff Gutmensch negativ verwenden, als zweifelhaft, meist wegen vermeintlich einseitiger Betrachtung eines Problems, mangelnder Objektivität oder Unkenntnis der Faktenlage. Gutmensch wird oft mit Begriffen wie Pharisäer und Heuchler, seit Mitte der 1990er-Jahre auch mit dem Begriff „Politische Korrektheit“ verbunden und als Anklage verstanden, die drastisch als „Terror der Gutmenschen“ erscheint. Im öffentlichen Sprachgebrauch dient er durchweg als eine negativ konnotierte Fremdbezeichnung. (…)

Bekanntermaßen ist das Gegenteil von „gut“ ja „gut gemeint“. Nun sehen wir uns mal die Verwendung des Begriffes an. Die Gegner von politischer Korrektheit – gerne auch als „linker Mainstream“ oder gar als „linker Gesellschaftsterror“ verunglimpft – versammeln sich in verschiedenen Dunstkreisen von der konservativen bis hin zur extremen Rechten.

Ob das bei „politically incorrect“ oder der neuen Rechten ist – der „Gutmensch“ ist das Feindbild. Er ist ein dummer Idealist, der an einer subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeit nicht teilhaben willen oder kann. Denn das ist doch der Kern – jemand mit subjektiver Wirklichkeitserfahrung kritisiert subjektive Weltsicht.

Nehmen wir uns mal die Extremisten unter den Islamophoben vor. Diese Leute verurteilen das Verhalten von Politikern und linksgerichteten (also im Grunde Toleranz predigenden) Gruppen als „Gutmenschentum“. Warum? Na weil diese Extremisten eine „schleichende Islamisierung“, also eine heimliche wahrnehmen (weswegen sie dann auch noch heimlich sein soll wissen die Schlechtmenschen aber nun auch wieder nicht) und dagegen wird ihrer Ansicht nach nicht genug getan.

Nun bitte ich Sie, mal den nächstbesten Mohammedaner in Ihrer Umgebung zu betrachten. Sprechen Sie mit ihm, trinken Sie einen Tee. Klopfen Sie seine Ansichten ab und suchen Sie nach dem Beweis, daß er ein Mitglied einer islamischen Weltverschwörung ist mit dem Ziel, die Welt zu islamisieren. Möglicherweise ist das gar nicht sein Ziel, vielleicht will er einfach nur am Ende des Monats genug Geld übrig haben um seinen Sohn oder seine Tochter auf die Uni schicken zu können.

„Gutmenschentum“ wird also als ein naives Weltbild betrachtet in welchem die Menschen zu wenig „gesunde Angst“ haben und dem Selbsterhaltungstrieb ihrer Kultur nicht fröhnen. Ist das denn eigentlich wirklich so?

Die meisten Auseinandersetzungen, der meiste Hass entsteht aus Angst und aus Unkenntnis. Der Mensch fürchtet das unbekannte, das unerforschliche, ein Umstand der die Geschichten von Edgar Allen Poe, Algernon Blackwood und Howard Phillips Lovecraft so lesenswert machen. Leider aber auch ein Umstand weswegen Gesellschaften immer wieder auf ihnen fremde Minderheiten oder den Nachbarn ablehnen. Diese Denkweise beginnt bei „denen im Nachbardorf“ und endet nicht zuletzt beim „ausbeutenden Juden“ oder „erobernden Muslim“. Simple Ahnungslosigkeit wandelt sich in Furcht und dieser wird dann zu Ablehnung und Hass. So entstehen Kriege, die von der Gesellschaft begrüßt und unterstützt werden.

Natürlich ist die Welt nicht ganz so simpel. Es gibt eine Reihe von Faktoren die mit hineinspielen, aber im Kern bleibt immer mangelnde Offenheit und Akzeptanz – und das, nebenbei gesagt, von allen Seiten. Wenn die Leute immer nur unter sich bleiben ist das natürlich auch nicht Zielführend. Das berühmte „Multi-Kulti“ kann nicht als Sammlung von Parallelgesellschaften funktionieren. Zumindest nicht wenn es über das normale Maß hinaus geht. Trotzdem ist ein Miteinander möglich und auch wünschenswert – schließlich ist es auch zu machen.

Das setzt aber voraus, daß bei den jüngsten bereits begonnen wird und hier steckt der Teufel drin: Wie man sehr schön an Beispielen wie Frau Freitags Blog sehen kann kämpfen hier tolerant erzogene Lehrer einen beinahe aussichtslosen Kampf gegen die Windmühlen des vom Elternhaus eingetrichterten Hasses und Vorurteils. Das Problem besteht im sich-verstecken und im Pflegen alter Vorurteile. Aber es besteht auch darin, daß sobald der Kopf heraus gestreckt wird er sofort droht, abgeschlagen zu werden. Mit einem ausländischen Namen muß man sich hierzulande bis zu acht mal häufiger bewerben als mit einem deursch klingenden Namen. Integrationswilligkeit wird mitunter als Anbiederung abgelehnt. Auch das kann nicht zielführend sein.

Nun sind die so genannten „Gutmenschen“ den Schlechtmenschen darin voraus, daß sie sich stets um Toleranz bemühen und sie für eine ideale Haltung der Gesellschaft umzusetzen versuchen, wenn auch nicht immer dort wo es wichtig wäre. Schlechtmenschen ist das egal.

Das Problem bei so manchen Idealisten ist das gleiche Problem, das zum Beispiel die Kirche derzeit hat: Viele Kirchenmänner predigen Moral und Anstand und sehen ihre Institution als moralischen Maßstab in der Welt. Da passen die Kinderschänder aber nun wirklich nicht mehr hinein. Ähnliches gilt für die Jeep fahrenden Umweltschützer oder auch den intoleranten Toleranzprediger. Idealismus fängt im Großen an, seine Umsetzung aber im Kleinen. Und da ist es am schwierigsten.

Ein anderes Problem ist die Frage der Dosierung. So kann eine hochpeinliche Claudia Roth schonmal eine ganze Partei unmöglich machen und das Fremdschämen in ganz andere Dimensionen erheben. Naivität und Blauäugigkeit tun ihr übriges, wer als Lehrer arbeitet weiß ja ziemlich schnell, wie ein abrauschender Idealismus aussieht.

Mein liebstes Beispiel für realitätsfernen Idealismus ist eigentlich der typische mütterliche Rat, wenn dem Kind das Pausenbrot geklaut oder es verprügelt wird: „Ignorier ihn einfach“. Jeder Idiot weiß, daß das nicht funktioniert, aber trotzdem wird der „Tipp“ von Generation zu Generation weitergetragen. Nicht auszurotten ist das.

Nichtsdestoweniger ist der Kampfbegriff „Gutmensch“ Unfug weil er eigentlich nur eines zeigt: Daß es Menschen gibt, die Idealismus und den Versuch, gutes in der Welt zu tun und zu ermöglichen ablehnen. Der Zynismus, der hinter dieser das Leben ablehnenden Weltsicht steckt ist bezeichnend. Und sollte für diese im Herzen armen Menschen wenigstens Mitleid erregen.

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